Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aus dem Museum IV.: Ueber die Schwierigkeiten des demonstrativen Unterrichts und seine Hilfsmittel, insonderheit über einen neuen Universal-Projektionsapparat
Person:
Kaiserling, C.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39431/2/
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C. Kaiserling, 
legung zu ersetzen. Plötzlich blieb er stehen uncl seinen Blick auf eine 
Gruppe Spatzen, die in einem Tümpel Schneewasser badeten, gerichtet, 
sagte er nachdenklich: Ich möchte wohl auch wissen, was die Tierchen 
denken, ob man’s je so weit bringt? Harmlos erwidere ich: Die Spatzen, 
Herr Geheimrat? Die denken entweder: möchte doch dein Ungeziefer 
ersaufen, oder: wenn doch bloss die beiden uns hier nicht verjagen 
wollten. Sprachlos sah mich der alte Herr an, ein leises Zittern um 
seine Lippen, das ich bisher nur gesehen hatte, wenn er im Begriff war 
böse zu werden und zur Einleitung seiner Philippika den Uebeltätcr starr 
ansah, verriet, dass er eine Antwort suchte. Endlich kam nur das eine 
Wort: „So!“ und er ging weiter, während ich mir das Hirn zermarterte, 
um die vermutlich gemachte Dummheit durch irgend etwas gut zu 
machen. Plötzlich fing der Meister an zu lachen und sagte: Eben ist 
cs Ihnen gelungen, mich zu verblüffen. Sie sind noch ein unverdorbener, 
etwas vorlauter Empiriker. . Wenn ich einem modernen Forscher die 
Aufgabe gestellt hätte, was denkt das Tierchen, der Spatz, so hätte er 
es gefangen, ihm das Gehirn herausgerissen und es durch allerhand 
Dinge hindurchgebracht und zu einer Mumie gemacht. Sie sehen sie ja 
alle Tage im Arbeitssaal solche Mumien sägen, frisch untersucht man 
kaum noch. Dann wird der Schnitt in allen Regenbogenfarben fingiert 
und schliesslich bei Oelimmersion ermittelt, dass ein Granulum in irgend 
einer Zelle verlagert ist. Das fällt aber keinem ein, das Tier sich an- 
zusehen, ob es überhaupt ein Spatz oder ein Rotkehlchen ist, und ob es 
Läuse hat oder nicht. Die Menschen fangen mit Vorliebe an, die Häuser 
vom Dache an zu bauen.“ Was Virchow eigentlich meinte, ist mir erst 
später klar geworden. Seit jenem kleinen bedeutungslosen Vorkommnis 
habe ich oft mir die Frage vorgelegt, warum man so schwer sehen lernt. 
Sehen, wie Virchow es meinte, heisst, irgend ein Objekt mit Hilfe 
normaler Sinne vom Grossen an bis ins Kleinste zu analysieren, die Be¬ 
funde zu gruppieren und aus ihnen auf Grund der bekannten Gesetze 
der Spezialdisziplin ein Urteil, eine Diagnose herzuleiten. Es setzt das 
„Sehen“ voraus nicht nur den Gebrauch der Sinne, sondern auch eine 
bestimmte zweckmässige Methodik und nicht zum wenigsten Kenntnisse 
theoretischer Art, AVo es sich um praktische Dinge handelt, wie in der 
Medizin im allgemeinen und in der pathologischen Anatomie im beson¬ 
deren, muss zu den theoretischen Kenntnissen, wie sie die Lehren der 
allgemeinen Pathologie und pathologischen Anatomie übermitteln, auch 
noch eine Reihe sinnlicher Erinnerungsbilder kommen, es müssen die
        

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