Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Studien zur Descendenz-Theorie. II. Über die letzten Ursachen der Transmutationen
Person:
Weismann, August
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39350/324/
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Ueber die mechanische Auffassung der Natur. 
zusammengewürfeltes, äusserliches , zufälliges Aggregat von Merk¬ 
malen aufzufassen, welche einzeln neben oder nach einander durch 
Züchtung oder Gewöhnung erworben sind«. Ich glaube aber, dass 
eine solche Auffassung weder von Darwin, noch von sonst Je¬ 
mand angenommen würde. Grade die Anerkennung, dass zwar 
nicht jede, aber doch jede physiologisch tiefer eingreifende 
Einzel-Abänderung mit einem System correlativer Abänderungen 
unmittelbar verknüpft ist oder sein kann, spricht es ja aus, dass 
man auch von unsrer Seite eine innere Harmonie der Theile, eine 
Gleichgewichtslage, wie ich es oben ausdrückte, anerkennt. 
Aber schliesst dies schon die Anerkennung eines zweckthätigen 
Princips ein oder eine mechanische Erklärung aus ? Ist damit schon 
die Anerkennung eines » Speciestypus « gegeben in dem Sinne eines 
unzertrennlich verbundenen Complexes von Merkmalen, aus denen 
keines herausgenommen werden kann, ohne dass alle andern sich 
ebenfalls ändern? Stimmt überhaupt eine solche Anschauung zu 
den empirischen Thatsachen? 
Beides scheint mir keineswegs der Fall zu sein. 
Ich beantworte zuerst die zweite Frage. Von allen möglichen 
Seiten her ist jetzt die frühere Ansicht von der absoluten Natur der 
Species widerlegt; es gibt keine Grenze zwischen Species und 
Varietät. Wenn aber Hartmann annimmt, dass bei der Umwand¬ 
lung einer Species »in eine andre« der »ganze gesetzmässig ver¬ 
knüpfte Complex sich ändern« müsse, so ist das ein Rückfall in die 
alte Lehre von der absoluten Natur der Species und steht in grellem 
Widerspruch mit zahlreichen Thatsachen. Wir beobachten nicht 
selten Varietäten > welche sich von der Stammform nur durch ein 
einziges Merkmal unterscheiden, andere, die mehrfache Unter¬ 
schiede aufweisen, wieder andere , bei welchen die Unterschiede 
sich auf die meisten Theile erstrecken. Letztere Abweichung wird 
dann von vielen Systematikern schon als neue Art bezeichnet wer¬ 
den, von andern nicht. 
Der » Speciestypus « ist also in der That eine Art von Mosaik¬ 
bild, aber eben ein Bild, in dem alle einzelnen Charaktere, die 
Mosaiksteinchen, zusammengehören und ein harmonisches Ganze 
bilden, nicht ein sinnloses Durcheinander. Einzelne der Steinchen 
oder Steinchengruppen können herausgenommen und durch anders 
gefärbte ersetzt werden, ohne dass dadurch noth wendiger weise das
        

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