Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Studien zur Descendenz-Theorie. II. Über die letzten Ursachen der Transmutationen
Person:
Weismann, August
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39350/320/
296 Ueber die mechanische Auffassung der Natur. 
und eine Weisslingsart an derselben Stelle des Erdballs die Ten¬ 
denz entwickelte, dieser Heliconide als Vorbild nacbzustreben ! 
Ausser dieser gewiss wenig empfehlenswertben Annahme 
bliebe aber nur etwa noch die andere übrig, dass jede oder doch 
sehr viele Weisslings- und andere Schmetterlingsarten dieselbe 
heliconidenartige Variationstendenz in sich trügen und jederzeit 
und jedenorts zu entwickeln bestrebt wären , dass sie aber nur dort 
reüssirten, wo sie zufällig örtlich und zeitlich mit dem Vorbild zu- 
.sammenträfen und so durch Naturzüchtung die »Tendenz« gefördert 
würde! Dem widersprechen aber die Thatsachen, denn solche 
nach ahmende Variationen sind noch niemals in erkennbarer Weise 
bei andern Arten beobachtet worden ! 
Ganz ähnlich aber wird es sich bei allen als nützlich nach¬ 
weisbaren Abänderungen verhalten, wenn ihre Entstehung durch 
Variationstendenzen erklärt werden soll. 
Man sieht, dass die Einwürfe, welche Hartmann gegen die 
V er e rb un g vorbringt, im Grunde nur darthun sollen, dass der 
Process der Vererbung keine Sicherheit für die Erhaltung vereinzelt 
auftretender Abänderungen gewährt. Dass die Vererbung 
selbst ein mechanischer Process sei, wird direct nicht bestritten, 
es wird nur angenommen, dass neue Charaktere nur dann durch 
Vererbung übertragen werden könnten, wenn sie durch das meta¬ 
physische »Entwicklungsprincip« hervorgerufen, nicht aber, wenn 
sie »zufällig« entstanden sind. Somit richtet sich diese Kritik 
im Grunde nicht gegen die Vererbung, sondern wieder gegen den 
mechanischen Ursprung der Variabilität. 
Hier hätte Hartmann geltend machen können, dass eine 
Zurückführung des Phänomens der Vererbung auf rein mecha¬ 
nische Ursachen, also eine mechanische Theorie der Ver¬ 
erbung zur Stunde noch fehlt. Dass er dies nicht that, beweist 
einerseits, dass er die Künste der Dialektik verschmähte, andrer¬ 
seits aber lässt es vermuthen, dass auch er das Gesetzmässige im 
Grossen und Ganzen der Erscheinung nicht verkannt hat und die 
Möglichkeit, eine mechanische Erklärung derselben zu finden, zu¬ 
gibt. In der That, wenn die Vererbungsfähigkeit nicht auf einem 
Mechanismus beruhte, so wüsste ich nicht, welche Vorgänge des 
Lebens man überhaupt noch als mechanische aufzufassen berech¬ 
tigt wäre ; denn sie alle hängen aufs Innigste mit der Vererbung
        

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