Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Studien zur Descendenz-Theorie. II. Über die letzten Ursachen der Transmutationen
Person:
Weismann, August
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39350/228/
204 Ueber den phyletischen Parallelismus bei metamorphischen Arten. 
Verwandtschaft der Larven nnd der Imagines? Sowie nns heute die 
madenförmigen Larven als fertige, lebensfähige Thiere vorliegen, 
sind sie ohne Zweifel ausserordentlich viel weiter von den raupen¬ 
förmigen Larven entfernt, als die Pflanzenwespen von den Stachel¬ 
wespen. Während Pflanzenwespen und Stachelwespen sich nur 
durch die verschiedene Gestaltung der typischen Körpertheile, 
Gliedmassen u. s. w. unterscheiden, werden ihre Larven durch 
viel tiefer greifende Unterschiede getrennt ; wichtige, typische 
Gliedmassen schwinden in der einen Gruppe ganz, während sie 
in der andern zu voller Entwicklung gelangen u. s. w. 
Es besteht also hei den Hymenopteren eine sehr beträchtliche 
Incongruenz des morphologischen d. h, des auf reine Formverwandt¬ 
schaft basirten Systems der Larven und der Imagines. Der Grund 
derselben ist nicht schwer zu finden : DieLebensbedingungen 
der Imagines weichen ungleich schwächer von ein¬ 
ander ab, als die der Larven! Die Lebensbedingungen der 
Imagines gleichen sich in allen grossen Zügen ; alle Hymenopteren 
leben hauptsächlich in der Luft, im Fluge, alle am Tage, 
und auch in der Ernährungsweise sind keine allzuweiten Unter¬ 
schiede bemerkbar. Ihre Larven dagegen leben unter fast diame¬ 
tral entgegengesetzten Verhältnissen , diejenigen der Pf 1 an z en- 
wespen leben nach Raupenart auf oder in Pflanzen, in beiden 
Fällen stets auf ihre eigne Locomotion zur Erreichung und auf 
ihre Kauwerkzeuge zur Verkleinerung der Nahrung angewiesen ; 
die Larven der übrigen Hymenopteren aber bedürfen 
sämmtlich keiner Ortsbewegung und keiner ZerkleinerungsWerk¬ 
zeuge , um ihre Nahrung zu erreichen und um sie zu gemessen, sei 
es, dass sie in Zellen gefüttert werden, wie die Bienen und Raup¬ 
wespen , sei es, dass sie in Pflanzengallen aufwachsen, deren Säfte 
sie saugen, sei es , dass die als Parasiten andrer Insekten von deren 
Blute sich ernähren. Wir können wohl begreifen, dass hei dieser 
ganzen letzteren Gruppe die Beine schwanden, die Kiefer ebenfalls 
schwanden oder doch nur in einem Paar und auch dieses nur in 
sehr reducirtem Zustande persistirten und dass die hornige Schale 
des Kopfes, die Ansatzfläche der Kaumuskeln, mit diesen ver¬ 
loren ging, ja dass die Segmente des Kopfes selbst mehr oder we¬ 
niger schrumpften, als die Sinnesorgane eingingen, welche auf 
ihm ihre Stelle gefunden hatten.
        

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