Bauhaus-Universität Weimar

Ueber die Summation von Hantreizen. 
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Der in den Zellen zu denkende Vorgang der Aufspeicherung und 
Entladung bedarf einer nicht unbedeutenden und ziemlich constanten 
Zeit. Dabei fand sich die bemerkenswerthe Eigenthümlichkeit, dass 
diese Zeit’ unabhängig blieb von der Zahl der Reize und der Zeitdauer, 
durch welche hin dieselben erfolgten, falls nicht eine gewisse Grenze 
überschritten wurde. Um also ein beliebiges Beispiel zu wählen, so 
würden 3 Reize, in einem Intervall J applicirt, nach der constanten Zeit 
t die secundäre Empfindung erzeugen; kommt nunmehr ein 4. Reiz 
wiederum mit dem Intervall J hinzu, so wird der Zeitpunkt der secun- 
dären Empfindung etwa um den Betrag J hinausgeschoben und bei einem 
5. Reiz wieder ebenso und so fort, bis eine gewisse Grenze erreicht ist, 
welche mit dem Ueberschreiten der optimalen Bedingungen zusammen¬ 
fällt, und oberhalb deren nunmehr der Zeitpunct der secundären Empfin¬ 
dung nicht mehr beeinflusst wird. Dieses eigenthümliche Verhalten 
scheint darauf zu deuten, dass der die Entladung vorbereitende verän¬ 
derte Zustand der Zelle durch jede neue Erregung nicht einfach der 
Entladung zeitlich näher geführt, sondern in einer eigenartigen Weise 
so weiter verändert wird, dass die Entladung sogar verzögert wird, um 
eintretenden Falls dann allerdings von grösserer Intensität zu sein. 
Diese Art von Einwirkung könnte man sich in der Form von wechselnd 
positiven und negativen Schwankungen — Assimilation und Dissimi¬ 
lation —, welche in der Zelle durch die Reize hervorgerufen würden, 
vorstellen. 
Bezüglich der mechanischen Hautreize hat sich das bemerkens¬ 
werthe Ergebniss herausgestellt, dass dieselben in ihrer Wirkung nie¬ 
mals einem einfachen Reiz, sondern stets einer Reihe von Reizen 
entsprechen. Dies bleibt bestehen, unabhängig davon, ob unsere Auf¬ 
fassung von der Summation richtig ist oder nicht. Die Vergleichbarkeit 
des mechanischen Reizes mit der Reizreihe ging so weit, dass auch die 
Beziehungen des Auslösungswerthes zum Zeitpunkt der secundären 
Empfindung und zur Art und Dauer der Reizwirkung sich als ähnliche 
herausstellten. Der mechanische Eindruck verhielt sich unserem Phä¬ 
nomen gegenüber etwa so, als ob ein flach ansteigender Reiz einer Reihe 
von einfachen Reizen mit grossen Intervallen, ein steil ansteigender einer 
solchen mit kleinen Intervallen entspreche. 
Ohne in weitere Hypothesen, wie dies zu denken sei, eingehen zu 
wollen, möge hier nur darauf hingewiesen werden, dass im Nerv-Muskel- 
Präparat vom Frosch ein den Nerven continuirlich durchfliessender 
Strom unter Umständen discontinuirliche Erregungen — Schliessungs- 
Tetanus — setzen kann. Die Frage, ob etwa auch andere scheinbar 
einfache Reize, wie z. B. Temperaturreize, summirte Wirkungen ent¬ 
falten, liegt nahe und eröffnet verlockende Probleme. 
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