Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Ein Kinesiaesthesiometer, nebst einigen Bemerkungen über den Muskelsinn
Person:
Hitzig, Eduard
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39034/13/
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Mau kann über die Localdiagnose dieses Falles im Zweifel sein.1 Im 
Uebrigen glaube ich, dass es sich um eine Neurose handelte. Jedenfalls lässt 
sich aus dem Verhalten der Krämpfe auf eine Betheiligung der grauen Sub¬ 
stanz schliessen. Für unsere gegenwärtige Erörterung ist nur dies und die 
Folgerung von Interesse, dass die gleiche und sogar eine um vieles grössere 
Arbeitsleistung dem Sensorium deshalb um vieles geringer erschien, weil ein 
adäquater Theil der geleisteten Arbeit nicht von Willensimpulsen, sondern von 
einem innerhalb der centralen motorischen Bahn wirksam werdenden Beizzustande 
herzuleiten war.2 
Indessen scheinen mir diese beiden oder ähnliche Fälle für die Entschei¬ 
dung der aufgeworfenen Frage nichts beizutragen. Denn wenn durch dieselben 
auch bewiesen wird, dass die geleistete Arbeit jedesmal dann unrichtig geschätzt 
wird, wenn das Maass der erforderlichen Impulse durch einen der Erfahrung 
des Sensorium fremden Factor eine positive oder negative Veränderung erleidet, 
so wird die peripherische Arbeitsleistung doch in jedem dieser Fälle appercipirt 
und damit die Associationsreihe, welche zu der erforderlichen Urtlieils(Schluss)- 
bildung führt, in Fluss gebracht. 
Aus ähnlichen Gründen lässt sich auch mit den Erfahrungen, welche über 
die in den oberen und unteren Extremitäten verschiedene Feinheit des Muskel¬ 
sinns gesammelt sind, nichts anfangen. Die Thatsache selbst ist wohl hinreichend 
lestgestellt. Denn wenn auch die durch die oben angeführten Untersuchungen 
gefundenen Verhältnisszahlen für die unteren Extremitäten zwischen 1/i und 1j.M) 
schwanken, so ist doch der der grössten Feinheit des UnterscheidüngsVermögens 
derselben entsprechende Werth von 1/20 — welcher zudem kaum richtig sein 
dürfte — immer nur halb so gross, wie der von Webek für die oberen Ex¬ 
tremitäten gefundene Werth. Wahrscheinlich verhält sich das relative Unter¬ 
scheidungsvermögen = 1:4—5. 
Man könnte folgenden Schluss ziehen wollen. Wenn mit den oberen Ex¬ 
tremitäten die Hinzufügung von 1 gr zu einer Belastung von 39 gr richtig, da¬ 
gegen mit den unteren Extremitäten die Hinzufügung von 60—80 gr zu einer 
Belastung von 0 gr nicht richtig erkannt wird, so ist dies mit der Annahme 
eines Kraftsinnes nicht vereinbar; denn ein solcher Sinn müsste in jedem von 
beiden Fällen die aufgewendete Kraft gleichmässig fein beurtheilen können. 
Dieser Schluss wäre aber deshalb unzulässig, weil er der Gewichtsdifferenz zwischen 
der oberen und der unteren Extremität keine Rechnung trägt.. Es versteht sich, 
dass das Sensorium in demjenigen corticalen Centrum, welches stets die Be¬ 
wegung einer grösseren Last — also der unteren Extremität — zu versehen 
1 M. Bernhardt, Ueber einen Fall von Hirnrindeuataxie (Deutsche med. Wochenschr. 
1887. S. 52), beschreibt einen sehr ähnlichen Fall. S. auch Jastrowitz a. a. O. Fall VI 
und VII. 
2 Diese Annahme ist nur zum Theil richtig. Ein Theil des Irrthums ist zweifellos 
aus der Abstumpfung des Muskel- und Gelenkgefühls derart herzuleiten, dass das Sensorium 
geringwerthigere Reize von diesen Thcilen her empfing. Im Text ist hiervon abgesehen, um 
die Auseinandersetzung nicht unnöthig zu verwickeln. Der Einfluss der Krämpfe geht 
andererseits daraus hervor, dass die Grösse des Irrthums von ihrer Intensität abhängig war,
        

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