Bauhaus-Universität Weimar

43 
Die physikalische Erklärung dieses Phänomens, das sich jedoch 
nicht an allen trüben Körpern, z. B. nicht an mattgeschliffenen 
Glasplatten zeigt, würde uns hier zu weit von unserem Wege 
abführen. Durch das trübe Mittel soll nach Goethe dem Lichte 
etwas Körperliches, Schattiges gegeben werden, wie es zum Ent¬ 
stehen der Farbe nothwendig sei. Schon bei dieser Vorstellung 
geräth man in Verlegenheit, wenn man sie als eine physikalische 
Erklärung betrachten will. Sollen sich etwa körperliche Theile 
zu dem Lichte mischen und mit ihm davonfiiegen? Auf dieses sein 
Urphänomen sucht Goethe alle übrigen Farbenerscheinungen 
zurückzuführen, namentlich die prismatischen. Er betrachtet alle 
durchsichtigen Körper als schwach trübe und nimmt an, dass das 
Prisma dem Bilde, welches es dem Beobachter zeigt, von seiner 
Trübung etwas mittheile. Hierbei ist es wieder schwer, sich 
etwas Bestimmtes zu denken. Goethe scheint gemeint zu 
haben, dass das Prisma nie ganz scharfe Bilder entwerfe, sondern 
undeutliche, verwaschene; denn in der Farbenlehre reiht er sie 
an die Nebenbilder an, welche parallele Glasplatten und Krystalle 
von Kalkspath zeigen. Verwaschen sind die Bilder des Prisma 
allerdings im zusammengesetzten Lichte, vollkommen scharf da¬ 
gegen im einfachen. Betrachte man, meint er, durch das Prisma 
eine helle Fläche auf dunklem Grunde, so werde das Bild vom 
Prisma verschoben und getrübt. Der vorangehende Rand desselben 
werde über den dunklen Grund hinübergeschoben, und erscheine 
als helles Trübes vor dunklem Blau, der hinterher folgende Rand 
der hellen Fläche werde aber von dem vorgeschobenen trüben 
Bilde des danach folgenden schwarzen Grundes überdeckt und 
erscheine, als ein Helles hinter einem dunklen Trüben, gelbroth. 
Warum der vorgeschobene Rand vor dem Grunde, der nach¬ 
bleibende hinter demselben erscheint, und nicht umgekehrt, er¬ 
klärt er nicht. Man analysire aber diese Vorstellung weiter und 
mache sich den Begriff des optischen Bildes klar. Wenn ich einen 
hellen Gegenstand in einem Spiegel ahgebildet sehe, so geschieht 
dies deshalb, weil das Licht, welches von jenem ausgeht, von dem 
Spiegel gerade so zurückgeworfen wird, als käme es von einem 
Gegenstände gleicher Art hinter dem Spiegel her, den das Auge 
des Beobachters demgemäss ahbildet, und den der Beobachter 
deshalb wirklich zu sehen glaubt. Jedermann weiss, dass hinter 
dem Spiegel nichts Wirkliches dem Bilde entspricht, dass auch 
nicht einmal etwas von dem Lichte dort hindringt; sondern dass 
das Spiegelbild nichts ist als der geometrische Ort, in welchem die
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.