Bauhaus-Universität Weimar

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In meinen ersten sieben Lebensjahren war ich ein kränk¬ 
licher Knabe, lange an das Zimmer, oft genug an das Bett ge¬ 
fesselt, aber mit lebhaftem Triebe nach Unterhaltung und nach 
Thätigkeit. Die Eltern haben sich viel mit mir beschäftigt; 
Bilderbücher und Spiel, hauptsächlich mit Bauhölzchen, halfen mir 
sonst die Zeit ausfüllen. Dazu kam ziemlich früh auch das Lesen, 
was natürlich den Kreis meiner Unterhaltungsmittel sehr er¬ 
weiterte. Aber wohl ebenso früh zeigte sich auch ein Mangel 
meiner geistigen Anlage darin, dass ich ein schwaches Gedächt- 
niss für unzusammenhängende Dinge hatte. Als erstes Zeichen 
davon betrachte ich die Schwierigkeit, deren ich mich noch deut¬ 
lich entsinne, rechts und links zu unterscheiden; später als ich 
in der Schule an die Sprachen kam, wurde es mir schwerer als 
Anderen, die Yocabeln, die unregelmässigen Formen der Gram¬ 
matik, die eigenthümlichen Redewendungen mir einzuprägen. Der 
Geschichte vollends, wie sie uns damals gelehrt wurde, wusste 
ich kaum Herr zu werden. Stücke in Prosa auswendig zu lernen, 
war mir eine Marter. Dieser Mangel ist natürlich nur gewachsen 
und eine Plage meines Alters geworden. 
Wenn ich aber kleine mnemotechnische Hülfsmittel hatte, 
auch nur solche, wie sie das Metrum und der Reim in Gedichten 
geben, ging das Auswendiglernen und das Behalten des Gelernten 
schon viel besser. Gedichte von grossen Meistern behielt ich 
sehr leicht, etwas gekünstelte Verse von Meistern zweiten Ranges 
lange nicht so gut. Ich denke, das wird wohl von dem natür¬ 
lichen Fluss der Gedanken in den guten Gedichten abhängig 
gewesen sein und bin geneigt, in diesem Verhältniss eine wesent¬ 
liche Wurzel ästhetischer Schönheit zu suchen. In den oberen 
Gymnasialklassen konnte ich einige Gesänge der Odyssee, ziem¬ 
lich viele Oden des Horaz und grosse Schätze deutscher Poesie 
recitiren. In dieser Richtung befand ich mich also ganz in der 
Lage unserer ältesten Vorfahren, welche noch nicht schreiben 
konnten und deshalb ihre Gesetze und ihre Geschichte in Versen 
fixirten, um sie auswendig zu lernen. 
Was dem Menschen leicht wird, pflegt er gern zu thun; so
        

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