Bauhaus-Universität Weimar

In allen Zweigen der Wissenschaft, für Religion, Staat, Recht, 
Kunst, Sprache, standen begeisterte Anhänger der Hegel’schen 
Philosophie auf, welche die genannten Gebiete im Sinne des 
Systems zu reformiren suchten und auf speculativem Wege Früchte 
einzusammeln hofften, denen man sich bis dahin nur langsam 
durch langwierige Arbeit genähert hatte. So stellte sich eine 
-Zeit lang ein schneidender und scharfer Gegensatz her zwischen 
den Naturwissenschaften auf der einen und den Geisteswissen¬ 
schaften auf der anderen Seite, wobei den ersteren nicht selten 
der Charakter der Wissenschaft ganz abgesprochen wurde. 
Freilich dauerte das gespannte Verhältnis in seiner ersten 
Bitterkeit nicht lange. Die Naturwissenschaften erwiesen vor 
Jedermanns Augen durch eine schnell auf einander folgende Reihe 
glänzender Entdeckungen und Anwendungen, dass ein gesunder 
Kern von ungewöhnlicher Fruchtbarkeit in ihnen wohne; man 
konnte ihnen Achtung und Anerkennung nicht versagen. Und 
nuch auf den übrigen Gebieten des Wissens erhoben gewissenhafte 
Erforscher der Thatsachen bald ihren Widerspruch gegen den 
allzu kühnen Icarusflug der Speculation. Doch lässt sich auch 
ein wohlthätiger Einfluss jener philosophischen Systeme nicht ver¬ 
kennen; wir dürfen wohl nicht leugnen, dass seit dem Auftreten 
von Hegel und Schelling die Aufmerksamkeit der Forscher in 
■den verschiedenen Zweigen der Geisteswissenschaften lebhafter 
und dauernder auf deren geistigen Inhalt und Zweck gerichtet 
gewesen ist, als es in den vorausgehenden Jahrhunderten viel¬ 
leicht der Fall war. Die grosse Arbeit jener Philosophie ist des¬ 
halb nicht ganz vergebens gewesen. 
In dem Maasse nun, als die empirische Erforschung der That¬ 
sachen auch in den anderen Wissenschaften wieder in den Vorder¬ 
grund trat, ist allerdings der Gegensatz zwischen ihnen und den 
Naturwissenschaften gemildert worden. Indessen, wenn derselbe 
durch Einfluss der genannten philosophischen Meinungen auch in 
übertriebener Schärfe zum Ausdruck gekommen war, lässt sich 
doch nicht verkennen, dass ein solcher Gegensatz wirklich in der 
Natur der Dinge begründet ist und sich geltend macht. Es liegt 
■ein solcher zum Theil in der Art der geistigen Arbeit, zum Theil 
in dem Inhalt der genannten Fächer, wie es der Name der Natur- 
und Geisteswissenschaften schon andeutet. Der Physiker wird 
einige Schwierigkeit finden, dem Philologen oder Juristen die Ein¬ 
sicht in einen verwickelten Naturprozess zu eröffnen; er muss von 
ihnen dabei Abstractionen von dem sinnlichen Schein und eine
        

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