Bauhaus-Universität Weimar

628 Kap. XXVin. Qualitative Strebungen. Zwecke und Mittel. 
sondern auch auf Grund von Nebenvorstellungen, die mit ihnen 
eng verbunden sind. Das ausserordentlich schöne oder ausseror¬ 
dentlich hässliche Gesicht treibt es uns immer wieder nicht nur 
vorzustellen, sondern zu sehen. Auch dies ist nicht ohne weiteres 
selbstverständlich. Es begreift sich aber, wenn wir bedenken, 
dass einerseits die Nebenvorstellungen, wenn nicht zur Empfin¬ 
dung, — wovon nachher — so doch zu möglichster Deutlichkeit 
aufstreben, andrerseits die Wahrnehmung des Gegenstandes Be¬ 
dingung dieser möglichsten Deutlichkeit ist. Die Empfindung hat, 
wie sie selbst lebendiger ist als die Vorstellung, so auch in hö¬ 
herem Grade das Vermögen, was mit ihr verbunden ist, zu bele¬ 
ben und in Kraft zu erhalten. 
Wir dürfen nun endlich aber auch, wo von besonderen Be¬ 
dingungen des Ëmpfindungsstrebens die Rede ist, die Art oder 
Häufigkeit der Erregung einer Vorstellung nicht übersehen. Wir 
fühlen vielleicht keine Begierde nach einem Objekte, solange wir 
seine Vorstellung in Gedanken nur eben streifen. Dagegen er¬ 
hebt sich dieselbe stärker und stärker, wenn uns der Gegenstand 
mit geflissentlicher Deutlichkeit vor Augen gestellt oder unsere 
Aufmerksamkeit absichtlich auf ihn gelenkt und bei ihm festge¬ 
halten wird. Die Begierde kann noch bestimmter werden, wenn 
der Gegenstand .unsern Gedanken öfter entgegengetreten ist Letz¬ 
teres, weil ja auch die Verstärkung der Disposition, wie sie die 
Wiederholung der Vorstellung in sich schliesst, die Energie der 
Vorstellung vermehrt. Andrerseits freilich gibt die Häufigkeit der 
Erregung auch wieder Gelegenheit zur Anknüpfung enger Bezie¬ 
hungen zwischen dem Inhalt und dem sonstigen seelischen Leben, 
also zur Erdung einer starken Abflusstendenz. Und die Stärke 
dieser Tendenz scheint jederzeit Uber die erhöhte Stärke der Dis¬ 
position bezw. die daraus fliessende erhöhte Vorstellungsenergie 
allmählig den Sieg zu gewinnen. Das allzu häufig Vorgestellte 
verliert am Ende eben wegen der allzu grossen Häufigkeit an 
Fähigheit, ein heftiges Begehren zu entzünden. 
An eine der hierher gehörigen Bedingungen der Energie des 
Aufstrebens zur Empfindung haben wir hier noch besonders zu 
erinnern. Wir sprachen im vorigen Kapitel davon, dass die Ein¬ 
sicht in die Unmöglichkeit der Erreichung eines Zieles die Hef¬ 
tigkeit des Begehrens — und ebenso des Wünschens — mindere. 
Inwiefern dies der Fall sein könne, kann hier deutlicher werden.
        

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