Bauhaus-Universität Weimar

572 Kap. XXIV. Die erfahrungsgemässe Erweiterung des Gesichtsraumes. 
wiederum von diesem abhängig erscheint. Es kann so erscheinen, 
sobald das Entfernungsbewusstsein seine besonderen und allgemein 
wirksamen Zeichen erlangt hat Wie das Entfernungsbewusstsein, 
so ist auch das dadurch bedingte Grössenbewusstsein Schätzung, 
nicht Wahrnehmung. Aber freilich die Schätzung ist zwingend, 
wie die Entfernungsschätzung. Es wird mir schwer zu glauben, 
dass der Ofen, der in der Ecke des Zimmers steht, von mir nicht 
grösser gesehen wird, als meine Hand, wenn ich sie einen Fnss 
vom Auge halte, oder der Mond nicht grösser als ein Stecknadel' 
' knöpf, den ich aus etwas grösserer Nähe betrachte, . obgleich mir 
eine Vergleichung in unmittelbarem Nebeneinander leicht zeigt, 
dass es sich so verhält. Wir milssen aber eben nicht vergessen, 
wie wir zu vergleichen pflegen. Ich vergleiche die Hand mit dem 
Ofen, indem ich sie mir neben den Ofen gehalten denke. Indem 
ich sie aber in Gedanken dorthin verlege, verkleinere ich ihr 
Bild, wie es sich tatsächlich verkleinern würde, wenn ich die 
Hand dort sähe. 
Mancherlei Täuschungen hinsichtlich der Grösse von Objekten 
beruhen auf dieser Abhängigkeit der Grössenschätzung vom Be¬ 
wusstsein der Entfernung. Indem ich den Horizont für weiter 
entfernt halte, muss ich consequenterweise den dort gesehenen 
Mond grösser schätzen, als wenn er am scheinbar nähern Zenith 
stände. Menschen, Bäume, Häuser können im Nebel riesengross 
erscheinen. In der Tat müssten sie riesengross sein, wenn sie 
in der Entfernung, in die ich sie des Nebels wegen versetze, so 
grosse Wahrnehmungsbilder gewähren sollten, wie sie tatsäch¬ 
lich tun. 
Wir wenden uns nun im folgenden Kapitel zum Tastraum 
zurück, um auch dessen Erweiterung über den Baum der Tast- 
Wahrnehmung hinaus zu betrachten. 
Die Vereinigung der verschiedenen Raumanschauungen zu 
einer wird in zweiter Linie den Gegenstand des Kapitels bilden.
        

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