Bauhaus-Universität Weimar

564 Kap. XXIV. Die erfahrungsgemässe Erweiterung des Gesichtsraumes. 
sein von der tatsächlichen objektiven Identität, das ich dort 
erfahrungsgemäss habe, anf das, was ich jetzt erlebe. Dasselbe er¬ 
hält dann noch eine Verstärkung durch das einheitliche Vorstel¬ 
lungsbild, zu dem ja auch hier die successiv gewonnenen einheit¬ 
lichen Punkte in der Erinnerung sich zusammenschliessen. Natür¬ 
lich bin ich wiederum der Gefahr ausgesetzt, jenes gewusste und 
dies jetzt in der Vorstellung gewonnene eine Objekt den gesehenen 
Doppelbildern in Gedanken unterzuschieben. Indem ich aber zu¬ 
gleich die Erfahrung mache, dass erst in dem Momente, wo ich der 
Gefahr der Unterschiebung ausgesetzt bin und unterliege, wo ich 
also eine Vereinigung der Doppelbilder zu einem anzunehmen in 
gewissem Grade genötigt bin, das Bewusstsein der Vertiefung 
sich einstellt, halte ich naturgemäss jene vermeintliche Vereinigung 
für die Ursache dieses Bewusstseins. 
Dazu kommt Folgendes. Mit dem Bewusstsein der Vertiefung 
ist eine veränderte Schätzung der Grösse der zur successiven Ver¬ 
einigung gelangenden Linien verbunden. Sie machen den Eindruck 
längerer Linien, als sie vorher machten. Und damit verbindet 'sich 
notwendig eine veränderte Schätzung des Winkels, den die Linien 
einschliessen. Er macht den Eindruck eines kleineren Winkels. 
In dem Momente, wo das Bewusstsein der Vertiefung auftaucht, 
scheinen die Linien sich in die Länge zu ziehen und einander zu 
nähern. Daraus kann der Gedanke entstehen, sie näherten sich 
einander völlig, gelangten also zur gleichzeitigen totalen Ver¬ 
schmelzung. Oder entsteht der Gedanke nicht, so scheint doch 
von jetzt ab der Lageunterschied zwischen jeder der wahrgenom¬ 
menen Linien und des in der Erinnerung bestehenden Verschmel¬ 
zungsbilde/ geringer, so dass es leichter zu der besprochenen Unter¬ 
schiebung 'kommt. In jedem Falle stellt sich in eben dem Momente, 
wo ich zu dem Glauben an die Verschmelzung der ganzen Bilder 
gekommen bin, das Bewusstsein der Vertiefung mit Bestimmtheit 
ein. Wiederum erscheint demgemäss jene Verschmelzung als Ur¬ 
sache des Vertiefungsbewusstseins. 
Nur indem die sämmtlichen Punkte der einen sich vertiefen¬ 
den objektiven Linie nacheinander binocular fixirt, oder die 
sämmtlichen Punkte der beiden gegeneinander geneigten objektiven 
Linien nacheinander binocular vereinigt werden, .scheint nach unse¬ 
rer Auffassung das Bewusstsein der Vertiefung der Linie entstehen 
zu können. Dieser Annahme würde der Umstand widersprechen, 
dass bei den Gegenständen des gewöhnlichen Lebens ein Blick
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.