Bauhaus-Universität Weimar

644 Kap. XXIII. Der Raum der Gesichtswahrnehmung. 
objektiven Gleichheit miteinander verschmolzen, so entsteht eine 
Notwendigkeit der Verschmelzung von Eindrücken der beiden gel¬ 
ben Flecke überhaupt, die, wenn sie genügende Stärke erreicht 
bat, nun auch durch gelegentliche objektive Ungleichheit der Ein¬ 
drücke nicht mehr aufgehoben wird. Während nun aber auf die 
gelben Flecke objektiv gleiche Eindrücke fielen, sind, nicht jedes¬ 
mal, wohl aber in der Mehrzahl der Fälle, auch den zu ihnen 
gleich gelagerten seitlichen Punkten der beiden Netzhäute objektiv 
gleiche Eindrücke zu Teil geworden. Damit konnten sie gleich¬ 
falls zu identischen Punkten werden. 
In der Ueberzeugung von dem erfahrungsgemässen Entstehen 
der identischen Punkte, die übrigens nur die Consequenz unserer 
Gesammtanschauung ist, habe ich die Genugtuung, mit Wundt 
zusammenzutreffen. Auf Wundt berufe ich mich auch für die 
Tatsache, die ich oben im Auge hatte. Ich meine die Tatsache 
des musculären Schielens. Beim musculären Schielen „behält der 
Winkel, um welchen die Gesichtslinie des schielenden Auges von 
der richtigen Stellung abweicht, immer die nämliche Grösse, da 
die gemeinsame Innervation des Doppelauges nicht gestört wird.“ 
Vgl. Physiol. Psychologie, 2. Aufl. II, 134. Der in der Weise 
musculär Schielende benützt in der Regel bald das eine bald das 
andere Auge zum Fixiren des Objektes, das seine Aufmerksam¬ 
keit beschäftigt. Mittlerweile fixirt das andere Auge andere Ob¬ 
jekte. Es wird also zunächst die Augenmitte oder der gelbe 
Fleck beider Augen von objektiv verschiedenen Reizungen ge¬ 
troffen. Angenommen nun, die Eindrücke der Augenmitten könnten 
nr8prünglicherwei8e nicht umhin räumlich miteinander zu ver¬ 
schmelzen, so müssten die jenen verschiedenen Reizungen ent¬ 
sprechenden Eindrücke oder Objektbilder an derselben räumlichen 
Stelle gesehen werden. Da verschiedene Bilder au derselben 
Raumstelle nicht ungestört zusammenbestehen können, so würden 
die Bilder sich gegenseitig auszulöschen suchen; es entstände der 
Wettstreit der Gesichtsbilder, der tatsächlich immer entsteht, wenn 
verschiedene Bilder beider Augen an derselben Stelle des Ge¬ 
sichtsfeldes vereinigt erscheinen. Zugleich würden aber auch an¬ 
dere Punkte der beiden Netzhäute, die beim gesunden Auge iden¬ 
tisch sind, von objektiv verschiedenen Reizungen getroffen. Da 
unter der Voraussetzung der ursprünglichen Identität auch die 
Eindrücke dieser Punkte räumlich verschmölzen, so erschienen
        

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