Bauhaus-Universität Weimar

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Kap. XXIII. Der Raum der Gesiohtswahrnehmung. 
auf die innere Oberfläche einer Kugel, mit unserem Äuge als Mit¬ 
telpunkt, perspcctivisch projiciren oder projicirt denken. Darnach 
können wir unsere Behauptung so verdeutlichen, dass wir sagen, 
die Anordnung unserer Gesichtseindrticke entspreche der Anord¬ 
nung der zugehörigen Netzbautpunkte, wenn wir jene in ein kugel¬ 
förmiges Sehfeld projiciren oder projicirt denken. Formuliren wir 
nun so, dann wird deutlich, dass die Behauptung nichts anderes 
enthält, als was der allgemein zugestandene Satz aussagt, dass 
wir Netzhauteindrttcke in der Richtung der Visirlinie/nach aussen 
verlegen, d. h. in der Richtung der geraden Linie, die den Netz- 
hautpunkt, dem der Eindruck zugehört, mit der Mittender Pupille 
verbindet. ' ' 
Oder vielmehr jene Behauptung und dieser Satz sagen nicht 
ohne weiteres dasselbe. Der Sinn beider fällt erst zusammen, wenn 
wir auch die Netzhaut als Kugelfläche, mit der Mitterer Pupille 
als Mittelpunkt, betrachten dürfen. Dies trifft aber nur sehr an* 
nähernd zu. Darnach müssen wir unsere Behauptung in der 
Weise genauer bestimmen, dass wir Bagen, Anordnung und Ausser- 
einander der Eindrücke im Sehfeld und in der Netzhaut ent¬ 
sprechen sich, wenn wir der wirklichen Netzhaut eine ideale Netz¬ 
haut substituiren, die hinsichtlich ihrer allgemeinen Form mit dem 
kugelförmig gedachten Sehfeld übereinstimmt, wenn wir mit an¬ 
dern Worten unter der Entfernung zweier Netzhautpunkte die Ent¬ 
fernung der Schnittpunkte der den wirklichen Netzhautpunkten 
zugehörigen Visirliniei^ mit dieser idealen Netzhaut verstehen. 
In der Tat wollen wir die Behauptung in diesem Sinne neh¬ 
men. Wir verlieren damit, wie man sehen wird, nicht, sondern 
gewinnen für unsere folgenden Erörterungen. 
Natürlich ist nun zunächst die Verlegung der Eindrücke in 
der Richtung der Visirlinie^nichts weniger als selbstverständlich. 
Spricht man von einer ursprünglichen Fähigkeit, die Eindrücke in 
der Weise zu verlegen oder zu projiciren, so wiederholt man 
einerseits nur die Tatsache, dass wir so verfahren; man behauptet 
andrerseits etwas offenbar Widersinniges. Das Verlegen oder Pro¬ 
jiciren schlie8st ein Bewusstsein der Entfernung vom Auge oder 
überhaupt von uns, d. h. von unserm Körper in sich. Niemand 
kann ja projiciren oder verlegen, ohne vor etwas hin zu projiciren 
oder in Entfernung von etwas zu verlegen. Und dies etwas muss 
doch wohl das Auge oder der ganze Körper sein. Dies setzte aber
        

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