Bauhaus-Universität Weimar

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Kap. XXII. Der Raum der Tastwahrnehmung. 
sprüngliche Verschiedenheit dabei unwirksam gemacht werden 
muss. Es ist Überhaupt nach unserer Anschauung die Entstehung 
des Raumbildes, wie wir es jetzt haben, nur denkbar als ein 
Produkt aus qualitativen Verhältnissen und erfahrungsgemässen 
Beziehungen. Der Raum erscheint damit beherrscht von den Fak¬ 
toren, die auch sonst überall in unserem seelischen Leben Zusam¬ 
menwirken, sich verstärken und corrigiren. 
Darnach muss der grössere Reichtum eines bestimmten Be¬ 
zirks der Körperfläche an Tastnerven zunächst unter der Voraus¬ 
setzung, dass damit zugleich eine beträchtlichere Abänderung der 
qualitativen Localzeichen innerhalb des Bezirks verbunden ist, den er¬ 
fahrungsgemässen Verschmelzungsnötigungen entgegen wirken. Aber 
auch, wenn die Abänderung keine stärkere ist, als innerhalb nerven- 
ärmerer Bezirke, fehlt die Gegenwirkung nicht völlig. Der grössere 
Reichtum macht ja unter allen Umständen, dass jeder einfache 
Reiz, der die Körperoberfläche trifft, eine grössere Anzahl von 
Nerven» zugleich in Mitleidenschaft zieht. Sind die diesen ent¬ 
sprechenden einfachen Eindrücke einander sehr ähnlich, so ver¬ 
stärken sie sich wenigstens. Die grössere Energie der Eindrücke 
bildet aber auch ein Gegengewicht gegen die Verschmelzungs¬ 
nötigung. Die vielen Nerven müssen also wenigstens in dem 
Maasse der Verschmelzung entgegenarbeiten können, wie eine ob¬ 
jektive Verstärkung der Reize auf nervenärmeren Hautbezirken 
dies vermöchte. 
Aber freilich der Einfluss der Erfahrung, die unser ganzes 
Leben hindurch wirkt und insbesondere in unsern ersten Lebens¬ 
jahren wirkte, so dass mit ihr keine künstliche Uebung irgendwie 
den Vergleich aushalten kann, könnte dem andern Faktor, der ur¬ 
sprünglichen qualitativen Verschiedenheit also, so beträchtlich über¬ 
legen gedacht werden, dass schliesslich doch das Raumbild wesent¬ 
lich durch Erfahrung bestimmt erschiene. Angenommen, vier be¬ 
nachbarte Nervenendigungen sind so beschaffen, dass das Local¬ 
zeichen jedes der zugehörigen Eindrücke von jedem andern in 
eben dem Grade verschieden ist, wie die Localzeichen zweier an¬ 
dererer Nervenendigungen von einander, dass also die vier Ein¬ 
drücke zusammen eine doppelt so starke Abänderung der Local¬ 
zeichen repräsentiren als die zwei, jene vier Endigungen werden 
aber im Verhältniss häufiger gleichzeitig gereizt, als diese zwei, 
dann muss im Laufe der Zeit ein ebenso enger räumlicher Zu-
        

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