Bauhaus-Universität Weimar

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Kap. XX. Vom Zusammenhang des Denkens. 
nun eine doppelte Ursache haben. Zunächst erhöht, wie wir wissen, 
Einübung, also häufige und mit energischer Concentration der 
seelischen Kraft vollzogene Intätigkeitsetzung der Beziehungen 
deren Leistungsfähigkeit. Wir können lernen auf einem Gebiete 
rascher und leichter zu schliessen, und mit Ueberspringung von 
Mittelgliedern zur Lösung einer Frage taugliche Gedanken zu 
finden. Ausserdem aber muss hinsichtlich jener Leichtigkeit oder 
Disponibilität ein ursprünglicher Unterschied bestehen. Wir sehen 
Menschen von vornherein angelegt und begabt für ein Denken auf 
einem bestimmten Gebiete. — Ob solche ursprüngliche Begabung auf 
Vererbung beruht, oder absolut ursprünglich ist, kommt uns dabei 
nicht in Betracht. 
Wir bezeichnen die Persönlichkeit, die, ohne überall der Re¬ 
flexion zu bedürfen, mit besonderer Leichtigkeit wertvolle Ge¬ 
danken schafft, Erklärungen findet, entdeckt, erfindet, praktische Auf¬ 
gaben löst, als Genie, und setzen das Genie den verschiedenen Graden 
des Talentes entgegen. Trotz der verschiedenen Namen besteht 
doch nur ein quantitativer Unterschied zwischen beiden. Ja es 
führt ein stetiger Weg von den Leistungen des geistig Beschränk¬ 
testen zu den Leistungen der grössten Genies. Dieselben Inhalte 
und dieselben Kräfte sind es, die die geistige Existenz beider 
machen. Damit verliert doch der Genius nichts von seinem beson¬ 
deren Werte; sowenig der menschliche Organismus dadurch an 
seinem besonderen Werte verliert, dass es dieselben Stoffe und 
Kräfte sind, die ihn constituiren und zugleich die niedrigsten Or¬ 
ganismen machen, ja in der verächtlichsten unorganischen Masse 
sich finden und wirken. 
Als unbewusst schöpferische bezeichneten wir die Lei¬ 
stungen, die man vom Genie fordert. Wir meinen, dass das 
Genie sie nur in gesteigertem Maasse hervorbringe. Aber noch in 
anderer Weise dürfen die unbewusst schöpferischen Leistungen 
nicht als etwas ganz Besonderes und ausserhalb des Rahmens des 
gewöhnlichen seelischen Geschehens Liegendes betrachtet werden. 
Ihr Begriff darf auch nicht eingeschränkt werden auf die Fälle, 
in denen das freie Vorstellen von irgend einem Ausgangspunkt 
ohne Bewusstsein aller Zwischenglieder zu einem neuen Bewusst- 
seinsergebni8s gelangt. Auch schon in allem Empfangen, Orien- 
tiren, Verstehen, in allem Appercipiren findet früher Erörtertem 
zufolge eine Art von schöpferischer Tätigkeit statt. Wir fügen
        

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