Bauhaus-Universität Weimar

Die psychologische Ermüdung und der psychologische Farbeucontrast. 843 
diejenigen unter den zwischenliegenden, die ihnen am nächsten stehen, 
sofort von ihrer Kraft abzugeben. Indem diese sie weiter vermit¬ 
teln, geschieht eine allgemeine friedliche Ausgleichung, die allen den 
grösseren und kleineren Gegensätzlichkeiten die Spitze abbricht. 
Aber nicht blos alle Farben zusammen, sondern auch je 
zwei complementäre repräsentiren in gewisser Weise die sämmt- 
lichen möglichen Weisen des normalen Erregungsablaufs. Sie 
stehen sich, wie wir Kap. XII sahen, entgegen, wie energischere 
und leisere, momentanere und langsamere oder gemessenere Er- 
regungswei8eu. Es muss aber jede seelische Erregung entweder 
energischer oder leiser, entweder momentaner oder gemessener 
ablaufen. Hierin besteht der wesentliche Unterschied zwischen 
den Gegensätzen der Farben und, wie wir gleich hinzuftlgen kön¬ 
nen, der contra8trirenden Vorstellungen überhaupt, einerseits, und 
den besonderen Gegensätzen der Töne andrerseits. Jene sind all¬ 
gemein und allumfassend, diese eigenartiger, innerhalb jener allge¬ 
meinen Gegensätze sich anbauend. 
Halten wir nun die beiden Dinge zusammen, dies eben aus¬ 
gesprochene Entweder-Oder, und die zwischen gegensätzlichen Er¬ 
regungen bestehende qualitative Brücke. Dann kann die psycho¬ 
logische Wirkung des Farbencontrastes verständlich werden. Sei 
zunächst Grün Gegenstand der Wahrnehmung. Dies wird von den 
ihm gleichartigen Erregungen unterstützt, zugleich aber beginnt 
auch schon von seiner Kraft dem allgemeinen seelischen Leben 
sich mitzuteilen. Je weiter aber diese Mitteilung von dem Grün 
sich entfernt, je sicherer sie eine Mitteilung in’s allgemeine 
seelische Leben wird, um so sicherer muss ein complementäres 
Purpur davon Nutzen ziehen. Umgekehrt, was von seelischer Kraft 
von der Empfindung des Purpur abfliesst, muss in irgendwelchem 
Grade dem Grün zu gute kommen. 
Wir können uns den Vorgang anschaulich machen, wenn wir 
uns die qualitative Nachbarschaft der Erregungen des allgemeinen 
seelischen Lebens durch die räumliche ersetzt denken. Die Er¬ 
regungen verteilen sich dann auf die Punkte einer Kreisfläche; 
die den reinen spektralen Farben entsprechenden lagern am Rande, 
die dem Weiss und Grau verwandten bilden die Mitte. Jede Stei¬ 
gerung nun an einem Punkte a des Randes pflanzt sich zunächst 
nach allen Seiten fort. Die einzelnen Bewegungen treffen sich 
schliesslich an dem diametral gegenüberliegenden Punkte a', also
        

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