Bauhaus-Universität Weimar

388 Kap. XV. Die psychischen Verhältnisse i. umfassenderen Zusammenhängen. 
Indessen, das war es eigentlich gar nicht, was ich meinte, 
wenn ich sagte, die Lust mindere sich mit der Aufmerksamkeit. 
Ich hatte die Lust an dem Eindruck selbst im Auge. Nun kön¬ 
nen wir die Lust als Lust an dem Eindruck bezeichnen nur 
solange der Eindruck unserm Bewusstsein gegenwärtig ist. Die 
wahrgenommene Gleichzeitigkeit von Lust und Eindruck ist es ja 
allein, die uns die Lust auf den Eindruck beziehen lässt. Darnach 
hängt die Lust an dem Eindruck von den günstigen Bedingungen 
ab, die nicht die Kraftaneignung des Eindrucks überhaupt, son¬ 
dern diejenige, die zur Bewusstwerdung führt, vorfindet. Die Be- 
wusstwerdung ist aber dadurch bedingt, dass die angeeignete Kraft 
nicht sofort wieder abfliesst, sondern festgehalten wird. Und dieser 
Festhaltung widerstrebt die Abflusstendenz. Also sind die Be¬ 
dingungen der Bewusstwerdung ungünstigere geworden. Es muss 
demnach die Lust am Eindruck in Folge dieser Tendenz vermin¬ 
dert erscheinen. 
Die Lust kann sich aber geradezu in Unlust verkehren. Es 
braucht nur die Tendenz energisch genug zu sein. Der Eindruck 
kann dann durch Wirksamkeit der Motive, von denen wir oben 
sprachen, immer noch zum Bewusstsein kommen und darin erhal¬ 
ten. werden. Aber die Motive vermögen dies eben nur im Wider¬ 
spruch mit der Tendenz. Und dergleichen Widerspruch erzeugt 
notwendig Unlust. Ich muss vielleicht, um ein Gedicht, das mir 
an sich recht wohl gefällt, auswendig zu lernen, immer wieder zu 
ihm zurückkehren. Dabei kann mich endlich völliger Ueberdruss 
an dem schönen Gedichte überkommen. 
Freilich nicht jede Festhaltung der Vorstellung, die abzu- 
fliessen bereit ist, hat Unlust oder auch nur Verminderung der 
Lust im Gefolge. Zeigt sich mir der Gegenstand der Vorstellung 
von einer neuen Seite, wird mir eine neue an sich wertvolle Be¬ 
ziehung an ihm deutlich, und besteht darin das Motiv, das mich 
zum Gegenstände zurückkehren lässt, dann wird zwar aus dem 
Neuen nicht die energische Lust sich ergeben, die ich verspürt 
hätte, wenn mir der Gegenstand gleich von vornherein nach allen 
seinen Seiten und Beziehungen deutlich geworden wäre, wohl aber 
kann die neue Lust diejenige erreichen oder gar überwiegen, die 
ich tatsächlich vorher empfand. Immerhin wird kein Gegenstand 
endlos Neues bieten, also auch hinsichtlich der Lust, die er zu erzeugen 
vermag, unerschöpflich sein. Es ist dann kein Mittel, als von dem
        

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