Bauhaus-Universität Weimar

Allgemeine Formulirung derJ psychologischen Contrastwirkuug. 298 
Ich würde mich mit andern Worten zu dieser psychologischen 
Ermüdungstheorie analog verhalten, wie ich mich zu den physio¬ 
logischen glaubte verhalten zu müssen. ~ Indessen ich breche 
diese Frage hier ab, um sie im Schlusskapitel dieses Abschnittes 
noch einmal aufzunehmen. Vielleicht, dass dann die angestellte 
Ueberlegung in weniger unbestimmtem Lichte erscheint. 
Einstweilen ist jedenfalls soviel deutlich geworden, dass mir 
die Farbenharmonie als etwas von der Tonharmonie wesentlich 
Verschiedenes, dagegen mit mancherlei andern Verhältnissen, die 
wir auch als Contrastverhältnisse bezeichnen können, wohl Ver¬ 
gleichbares erscheint. In der Tat muss ich nach dem Gesagten 
dem Wohlgefallen an Farbengegensätzen das Wohlgefallen an 
allen möglichen Contrasten, zwischen einfachen Empfindungen und 
Gruppen von Empfindungen ebensowohl wie zwischen umfassen¬ 
deren Richtungen des Empfindens, verschiedenen Denkweisen, 
Charakteren u. dgl. ohne weiteres an die Seite setzen und damit 
auch die Wirkung dieser Contraste auf den Vorstellungsverlauf 
mit der psychologischen Bedeutung jener Gegensätze unter einen 
Gesichtspunkt stellen. Es gehören darnach in diesen Zusammen¬ 
hang die Contraste zwischen hohen und tiefen Stimmen oder ein¬ 
zelnen Tönen, zwischen kraftvollen und weichen Klangfarben 
u. dgl., nicht minder als etwa die Wirkungen, die der Gegensatz 
zwischen der eigenen und fremden Persönlichkeit auf uns übt, 
also die Freundschaft Ungleichartiger, die Liebe der Geschlechter, 
soweit sie eben auf einer Art Gegensatz zwischen männlichem 
und weiblichem Charakter beruht. Doch auch davon rede ich hier 
nicht weiter. 
Es gibt nun aber auch noch andere Contrastverhältnisse, die 
nicht ganz unter den gleichen Gesichtspunkt fallen und dennoch 
gleichfalls analog wirken. Ihr Eigentümliches besteht darin, zum 
einen Glied des Contrastes ein an sich Unangenehmes, zum andern 
ein davon Erlösendes zu haben. Ich wähle dafür als Beispiel ein 
Verhältniss, dessen Bezeichnung als Contrastverhältniss man sonder¬ 
bar finden kann, das mir aber eben wegen seiner Eigenart wertvoll 
ist. Ich meine das schon gelegentlich in Betracht gezogene Ver¬ 
hältniss zwischen dem Hungergefühl und den Geschmacksempfin¬ 
dungen. Stehen wir unter dem Einfluss jenes Gefühls, so kommen 
wir den Geschmacksempfindungen mit mehr Liebe entgegen als 
sonst, wir verweilen auch bei ihnen, wenn sie uns zu Teil
        

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