Bauhaus-Universität Weimar

Die indirekte Klangverwandtschaft. 
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Dass ich aber gerade s hinzudenke, erklärt sich nur daraus, dass 
es mit Si und s& harmonisch zusammenklingt. Es ist also das 
Harmoniegefühl aus sich selbst erklärt. 
Doch wir dürfen in den beiden Fällen die Hauptsache, 
nämlich eben die Klangverwandtschaft, die durch s vermittelt 
oder deutlich wird, nicht vergessen. Die 81 und s° können 
als Obertöne, oder die 8, 8 t und s» als Grund- und Obertöne 
eines einzigen Klanges betrachtet werden. Aber was ist 
mit dieser Betrachtungsweise fttr’s Harmoniegefühl gewonnen? 
Das Bewusstsein, dass unter Umständen die drei Töne zu einem 
Klang Zusammenflüssen können, kann das Gefühl nicht erzeugen. 
Denn dies Bewusstsein ist nur bei wenigen und war zu Zeiten bei 
niemanden vorhanden. So bleibt nur die Tatsache, dass sie es 
können. Damit sind wir wieder bei der Alternative angelangt, 
die uns schon begegnete. Entweder, sie können es so gut und so 
schlecht wie beliebige Töne, dann müssen beliebige Töne mit be¬ 
liebigem Schwingungsverhältniss harmonisch zusammenklingen; oder 
sie können es in besonderer Weise, d. h. sie kommen der Verschmel¬ 
zung in irgendwelcher Weise besonders entgegen, dann ist damit eben 
das gesagt, was wir mit dem Ausdruck „Verhältnis der Freund¬ 
schaft oder Verwandtschaft“ zwischen einfachen Tönen sagen wollten. 
Aber es scheint, als eröffne sich hier die Möglichkeit, 
eines Ausweges, der wenigstens eine Modifikation unserer An¬ 
schauung ergeben würde. Man könnte nämlich die besondere 
Zuneigung der Töne mit einfachen Schwingungsverhältnissen zu¬ 
geben, diese Zuneigung aber als eine gewohnheitsmässige fassen, 
d. h. als eine solche, die in dem häufigen Zusammentreffen und 
Verschmelzen gerade dieser Töne ihren Grund hätte. Töne, die 
öfter zusammentrafen und verschmolzen, so könnte man sagen, haben 
ein Streben zu verschmelzen und es entsteht Befriedigung, wenn 
dem Streben entsprochen wird, Missbefriedigung, wenn dies nicht 
der Fall ist. Diese Behauptung enthielte eine Art von „empiristi- 
scher“ Theorie der Harmonie gegenüber unserer „nativistischen“. 
Es verträgt sich aber auch diese Anschauung nicht mit den Tat¬ 
sachen. Voraussetzung ihrer Richtigkeit wäre, dass, ehe unser 
gegenwärtiges Urteil über Harmonie und Disharmonie sich bildete, 
nicht nur alle Töne mit einfachen Schwingungsverhältnissen ge¬ 
nügend oft Gelegenheit gehabt hätten, zu verschmelzen, sondern 
dass auch niemals oder nur verhältnissmässig selten Töne mit com-
        

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