Bauhaus-Universität Weimar

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Kap. XI. Die Tonverhältnisse. 
Wir haben bisher noch nicht von den Combinationstönen gesprochen. 
Man versteht darunter die Töne, die sich ohne besondere objektive 
Ursache aus dem Zusammentreffen mehrerer einfacher Töne erzeugen. 
Zwei einfache Töne ergeben in ihrem Zusammentreffen jedesmal zwei 
solche Combi nationstöne, einen Differenzton, dessen Schwingungs¬ 
zahl der Differenz und einen SummationstoD, dessen Schwingungs¬ 
zahl der Summe der Schwingungen der beiden ursprünglich vor¬ 
handenen Töne entspricht. Diese Töne sind nicht nur in der 
durch die objektiven Ursachen erzeugten Schwingungsmasse ob¬ 
jektiv mitenthalten, sondern sie werden auch, wenn sie genügend 
stark sind, selbständig empfunden. 
Für uns nun kommt hier nur der Differenzton in Betracht. 
Angenommen die beiden zusammenklingenden einfachen Töne haben 
bezw. 200 und 300 Schwingungen, dann hat der Differenzton deren 
100. Daraus folgt für uns ein besonderes Freundschaftsverhält- 
niss des Differenztons zu den beiden. Gibt es aber keine der¬ 
artigen besonderen Verhältnisse, dann ist der Differenzton nichts 
als ein beliebiger Ton, der durch jeden andern ersetzt werden 
könnte, ohne dass der Seele darum anders zu Mute zu werden 
brauchte. Es kann also auch nicht, wie Wundt will, aus dem 
Umstand, dass eben dieser Ton die beiden ursprünglich erzeugten 
einfachen Töne begleitet, das Gefühl der Befriedigung, das ihr 
Zusammenklang erregt, erklärt werden. 
Analog verhält es sich in allen Fällen, wo Combinationstöne 
tatsächlich gehört werden. Es sollen aber der Art Töne auch 
dann zur Erzeugung des Harmoniegefühls beitragen, wenn sie nur 
hinzugedacht werden können, wie dies immer bei der Aufein¬ 
anderfolge von Tönen oder Klängen der Fall ist. In diesen Fällen 
weiss ich mir die Art, wie die Wirkung sich vollziehen soll, gar 
nicht deutlich zu machen. Mag es immerhin, wenn die Töne 
von 200 und 300 Schwingungen, wir wollen sie St und s* nennen, 
sich folgen, von Wichtigkeit sein, dass es einen Ton s von 100 
Schwingungen gibt, der beide zusammenschliesst, indem er beiden 
zum gemeinsamen Fundamente dient. Es fragt sich nur, wie kann 
er ihnen zum Fundamente dienen, wenn er in gar keinem beson¬ 
deren Verhältnis zu ihnen steht, und wie kann ich wissen, dass er 
ihnen dazu dient, wenn kein derartiges Verhältnis meinem Be¬ 
wusstsein sich ankündigt. Ich meine, der Zirkel ist klar. 
Indem ich s hinzudenke, sollen si und s< harmonisch erscheinen.
        

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