Bauhaus-Universität Weimar

226 Kap. X. Der Voratellungswettstreit u. d. Aehnlichkeit d. Vorstellungen. 
die natürlich im Momente der höchsten Entwickelung des B weiter 
fortgeschritten ist, als die Verminderung der Energie des B, eine 
relative Verzögerung erleidet. Da die Verzögerung der Energie¬ 
minderung, die gleichzeitig doch auch das A dem B angedeihen 
lässt, eine geringere ist, so heisst dies, die beiden Empfindungen 
nähern sich einander in Ansehung der Grade ihrer Energie in ge¬ 
wissem Maasse. Ebendamit verringert sich der Vorsprung, den 
der Process des allmähligen Verschwindens von A vor dem Pro¬ 
cess des Verschwindens von B hat; die Processe erscheinen an 
einander, umsomehr, je länger die wechselseitige Unterstützung, 
speziell die Unterstützung des A durch B dauert, und je energi¬ 
scher sie ist, d. h. je ähnlicher die A und B sich sind, zeitlich 
gebunden; beide zerfliessen gleichmässiger, als dies sonst der Fall 
sein könnte. 
Man darf die Unterstützung des A durch B, nachdem vorher 
A dem B aufgeholfen hat, nicht unterschätzen. . Nehmen wir an, 
A sei im Wettstreit mit fremden Vorstellungen C, D etc. nahe an 
der Schwelle des Bewusstseins angelangt, besitze nun aber, nach¬ 
dem es soweit gekommen ist, nicht mehr die Energie, um allein 
die C, D aus dem Bewusstsein zu vertreiben, oder überhaupt ihnen 
die seelische Kraft zu rauben, deren es bedürfte, um selbst die 
Schwelle des Bewusstseins zu überschreiten, ln eben dem Momente 
sei B, teilweise durch Hilfe des A, zu beträchtlicher Entwickelung, 
sagen wir bis in’s Bewusstsein gelangt Ist dann die Energie des 
B noch gross genug und zugleich die Aehnlichkeit mit A eine hin¬ 
reichend starke, dann kann es geschehen, dass A vermag, was es 
sonst nicht vermocht hätte, d. h. dass es durch Hilfe des nach¬ 
folgenden B, das entsprechend dem Maasse seiner Aehnlichkeit mit 
A, mit diesem gemeinsam gegen die C, D sich wendet, nachträg¬ 
lich noch zum Bewusstsein gelangt 
Ich erkläre mir auf solche Weise Vorkommnisse, die wohl 
jedermann bekannt sind. Ich höre in der Mehrzahl der Fälle 
nichts davon, wenn in meinem Hause die Hausuhr ein Uhr, zwei 
Uhr schlägt. Ebenso überhöre ich, wenn ich in der Arbeit bin, 
meist die ersten Schläge der Uhr, wenn sie die durch höhere Zahlen 
bezeichneten Stunden angibt Dagegen kommen mir im letzteren Falle 
die späteren Schläge in der Regel zum unmittelbaren Bewusstsein. 
Dies wundert uns nicht mehr. Es verhält sich mit diesen Schlägen, 
wie mit den einzelnen Tonschwingungen, mit denen wir früher zu
        

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