Bauhaus-Universität Weimar

102 Kap. VIII. Von der Begrenztheit der seelischen Kraft. 
Hand. Zugleich nämlich erfährt der Umfang, in dem die Vorstel¬ 
lung p die Seele in Anspruch nimmt, eine Vergrösserung. Der An* 
blick der Person oder Sache, die uns, wir wissen nicht wie und 
unter welchen bedeutsamen Umständen, früher begegnet ist, fesselt 
uns in der Weise, dass wir für kürzere oder längere Zeit verges¬ 
sen, wo wir sind, und der GedankenverlauÇ in dem wir begriffen 
waren, wie abgeschnitten erscheint. Wir bezeichnen derartige Er¬ 
lebnisse geläufigerweise so, dass wir der Wahrnehmung das Ver¬ 
mögen zuschreiben, ein grösseres Quantum unserer Aufmerksam¬ 
keit zu absorbiren. Identificiren wir aber, wie oben, Aufmerksam¬ 
keit und seelische Kraft und bedenken wir, dass die seelische 
Kraft eben doch auch nichts ist, als die Stufe, die eine zum Be¬ 
wusstsein auftauchende Erregung erreicht hat, dann erscheint jene 
Bezeichnung nicht in jedem Sinne zutreffend. Eine Wahrnehmung 
kann, wie wir wissen, nicht mehr oder weniger im Bewusstsein 
sein, also auch als bewusste Wahrnehmung nicht mehr oder weni¬ 
ger seelische Kraft oder Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. 
Nur die unbewussten Nebenvorstellungen können in der Tat das¬ 
jenige sein, was das Mehr der seelischen Kraft an sich zieht und 
damit andere Vorstellungen aus dem Bewusstsein verdrängt oder 
in dasselbe zu gelangen verhindert; und nur, wenn wir die Neben¬ 
vorstellungen, etwa unter dem-Namen des an der Wahrnehmung haf¬ 
tenden Interesses, mit der Wahrnehmung in eines zusammenfassen, 
also den ganzen Erregungscomplex a parte potiori als Wahrneh¬ 
mung bezeichnen, können wir am Ende auch die Wahrnehmung 
selbst zu demjenigen machen, was die Seele so besonders aus¬ 
schliesslich in Beschlag nimmt. 
Was die angeführten Erlebnisse uns lehren, bestätigen schliess¬ 
lich andere, die keiner weiteren Besprechung bedürfen. Auch die 
unbewussten seelischen Tätigkeiten, die das „mechanische“ Gehen, 
Bauchen, Spielen mit den Händen u. dgl. unterhalten, concurriren 
mit den bewussten oder mit andern unbewussten Tätigkeiten um 
die seelische Kraft Darum kann ein plötzlich auftauchender wich¬ 
tiger Gedanke, ein fesselndes Schauspiel uns dazu bringen, im 
Gehen einzuhalten, überhaupt kttrzerere oder längere Zeit regungs¬ 
los zu verharren, es kann den Raucher das Rauchen vergessen 
lassen u. s. w. Nicht minder verkürzen beliebige von aussen 
herandringende Reize, deren zugehörige seelische Erregungen mit 
der Gedankenarbeit, die mich jetzt beschäftigt, in keiner besonde-
        

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