Bauhaus-Universität Weimar

Stumpf: Die Struktur der Vokale 
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als TT erscheint, daß es beim Hinzutreten des g1 zu einem dunklen 0, 
beim e3 zu einem guten 0 wird, daß beim b3 die erste Spur des Ö sich 
beimischt, und daß es mit e4 fertig ist. Beim Abbau wiederholen sich 
natürlich dieselben Stufen in umgekehrter Ordnung. 
Man sieht, daß der Entwicklungsgang jedes Vokals für beide Grund¬ 
töne der nämliche ist. Er wiederholt sich auch bei tieferen Grund¬ 
tönen, nur immer mehr in die Länge gezogen. 
Alle diese Entwicklungsstadien tragen selbst vokalen Charakter. 
Nur bei Lücken- und Stich versuch en kam es öfters vor, daß man in¬ 
strumentale, etwa klarinetten- oder fagottähnliche Klänge zu hören 
glaubte. 
Außer TJ hat jeder Vokal seine nächste Grundlage in einem andern 
Vokal, 0 in TJ, A in 0, A in AO, E in 0 usw. Darauf baut sich dann 
erst das Eigentümliche des bezüglichen Vokals auf. Schon bei den 
ersten Interferenzversuchen, die sich auf geflüsterte Vokale bezogen, 
war ich überrascht, wie durch Abschneiden der höchsten Region J 
in TJ, E in O, A in ein blökendes AOao und in AO überging. Diese 
Versuche kann jeder mit einem System kleiner Interferenzröhren aufs 
leichteste bestätigen. 
Besonders hervorzuheben sind die langen toten Strecken bei den 
helleren und hellsten Vokalen. Sind beim Aufbau die ersten Röhren 
für TJ, E oder J eingeschoben, ist also das Fundament gelegt, so ver¬ 
ändert sich der Vokalcharakter bei weiteren Einschiebungen lange Zeit 
überhaupt nicht, bis dann endlich durch Hinzufügung einiger Töne der 
spezifische Vokalcharakter entsteht. 
Ein interessantes Zwischenstadium bietet das A insofern, als hier 
ein Laut zum Vorschein kommt, der an das dialektische A in han¬ 
noverschen und braunschweigischen Landen und an den französischen 
Laut bei sœur, cœur erinnert. Auch ist bemerkenswert, daß beim 
A sich auf dem Grundtone C ein längeres A-Stadium einschiebt, das 
bei höherer Lage des Grundtons nicht zu beobachten ist. 
3. Das wichtigste unter den Entwicklungsstadien ist dasjenige, 
worin der spezifische Charakter des Vokals sich von der ersten Spur 
seines Auftretens bis zu seiner vollen Ausprägung herausbildet. Diese 
charakteristische Region (ich möchte sie mit den Entwicklungsjahren 
des Menschen vergleichen) umfaßt immer eine Mehrzahl von Tönen. 
Ihre Lage ist im wesentlichen unabhängig von der absoluten Höhe 
des Grundtons. Niemals zeigt z. B. ein A die geringste Spur des 
A-Charakters am Beobachtungsende der Leitung, ehe nicht ein Teilton 
der zweigestrichenen Oktave zur O-Grundlage hinzugefügt ist. Die 
Folge dieses Verharrens der charakteristischen Region ist, daß mit 
dem Sinken des Grundtones für einen Vokal der ganze ihn bildende
        

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