Bauhaus-Universität Weimar

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eine seiner Functionen statt auf einen Bewusstseinsinhalt auf eine 
andere seiner eigenen Functionen richtet. Das Bewusstsein ist 
einheitlich, und schon diese Einheitlichkeit verbietet, eine Function 
auf eine andere gleichzeitige zu beziehen. Es bleibt uns somit 
nichts übrig, als die zu beobachtende Function gewissermassen in 
einen Inhalt zu verwandeln, den wir dann wie andere Inhalte 
direkt beobachten können; das ist nun aber nur möglich, indem 
wir ein Erinnerungsbild schaffen, welches uns seihst im Zustand 
jener Functionsleistung vorstellt. Wenn wir in Zorn oder Wuth 
sind, können wir uns nicht beobachten; entweder wir wüthen oder 
wir beobachten; setzt die eine Function ein, so muss die andere 
aufhören; dagegen können wir uns nachträglich in der Erinnerung 
vorstellen, wie wir in Wuth waren, und nun diesem Erinnerungs¬ 
bild die Aufmerksamkeit zuwenden. Der Streit dreht sich nun 
darum, ob wir berechtigt sind, dieses Studium des Erinnerungs¬ 
bildes auch noch Selbstbeobachtung zu nennen oder nicht; dagegen 
herrscht Einstimmigkeit darüber, dass die psychische Function 
selbst nicht unmittelbar im natürlichen Verlauf des psychischen 
Geschehens beobachtet werden kann, sondern das Erinnerungsbild, 
das natürlich nicht der Vorgang seihst ist, an ihre Stelle treten 
muss. 
Diese Argumentation ist durchaus consequent und ihr Ergeh¬ 
niss somit überzeugend für denjenigen, der die Voraussetzungen 
anerkennt; diese Voraussetzungen scheinen mir aber so unberech¬ 
tigt, dass ich die ganze Argumentation für eine Kette von Irr- 
thümern halte. 
Unterscheiden wir an unseren psychischen Phänomenen Sub¬ 
jekt, Objekt und Beziehung des Subjekts zum Objekt, so giebt es 
in dem System unserer seelischen Vorgänge, wie wir sahen, nur 
eine Veränderliche: das Objekt, der Bewusstseinsinhalt. Das 
Subjekt, das Bewusstsein, ist die absolute Voraussetzung, und die 
Beziehung desselben zum Inhalt reducirt sich auf die constante 
Function des Bewusstwerdens. Wir haben bei der Betrachtung 
der psychologischen Aufgaben die erkenntnisstheoretischen Gründe 
hierfür kurz angedeutet; wir verfolgten, wie diese Scheidung in 
Subjekt und Objekt überhaupt erst dadurch entsteht, dass wir die 
einheitlichen psychischen Vorgänge zerspalten, um dem wechselnden 
Schriften d. Ges. f. psychol. Forsch. I. 11
        

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