Bauhaus-Universität Weimar

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unzählige Experimente in der Psychologie möglich sind, 
bei denen von Physiologie gar nicht die Rede ist. 
Innerhalb jeder Gruppe wollten "wir dann in unmittelbare und 
mittelbare Untersuchung scheiden. Hier könnte in der That ein 
Missverständnis möglich sein, das von vornherein beseitigt werden 
muss. Dass ich meine eigenen Bewusstseinsinhalte unmittelbar er¬ 
fahre, ist selbstverständlich, und ebenso klar ist es, dass ich die 
Seelenzustände meines Hundes nur aus seinen Bewegungen er- 
schliessen, also nur mittelbar erfahren kann. Es fragt sich nun 
aber, oh ich die Beobachtungen, welche andere Menschen machen, 
unter die unmittelbaren oder die mittelbaren Beobachtungen rech¬ 
nen will. Zweifellos nimmt zunächst mein Nehenmensch insofern 
principiell keine andere Stellung als das Thier ein, als ich auch 
seine seelischen Vorgänge erst aus seinen Bewegungen, seien es 
Gesten oder Sprach- oder Schrift- oder Mienenbewegungen er¬ 
schlossen muss. Ich kann den Bewusstseinsinhalt des Neben¬ 
menschen niemals unmittelbar erfassen. Trotzdem wäre es offenbar 
wieder eine Verwechselung von psychologischem und philosophi¬ 
schem Standpunkt, wenn ich jede Aussage eines Nebenmenschen 
nur unter die mittelbar gewonnenen psychologischen Kenntnisse 
rechnen wollte. Der Philosoph allein arbeitet voraussetzungslos, 
der Psychologe kann, wie wir sahen, ohne eine ganze Reihe von 
Voraussetzungen gar nicht an seine Arbeit gehen. Als Psychologe 
muss ich als selbstverständlich voraussetzen, dass geistige Mit¬ 
menschen existiren und dass meine Wechselbeziehung zu ihnen 
mittelst Ausdrucksbewegungen nicht nur von meiner, sondern auch 
von ihrer Seite sich auf Bewusstseinsinhalte beziehen, die in uns 
/ 
übereinstimmend auftreten. Wenn einer meiner Mitarbeiter, den 
ich für geistig normal halten muss, mir glaubwürdig mittheilt, 
dass er unter bestimmten Bedingungen den oder jenen Bewusst¬ 
seinsinhalt erlebt hat und er vermag denselben so zu beschreiben, 
dass ich überzeugt bin, den Inhalt vollkommen erfasst zu haben, 
so ist es für mich durch unmittelbare Beobachtung erwiesen, dass 
unter diesen Bedingungen dieser Bewusstseinsinhalt eintreten 
kann, obgleich ich ja thatsächlich ihn nicht unmittelbar erlebt, 
sondern erst aus den Sprachbewegungen des Betreffenden er¬ 
schlossen habe. 
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