Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Willenshandlung. Ein Beitrag zur Physiologischen Psychologie
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38837/86/
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Bewegungen verschiedene Empfindung hervorrufen, so liegt 
darin gewiss keine Veranlassung, andere als periphere Beize zur 
Erklärung herbeizuziehen. — Thatsächlich liegt der Grund 
des Irrtums an ganz anderer Stelle. Wir sind nämlich so 
sehr geneigt, den Vorgang der Muskelkontraktion lediglich 
nach der Hubhöhe, nach dem Umfang der Bewegung zu be¬ 
urteilen und kommen dadurch natürlich leicht zu der Meinung, 
dass, wenn wir hei gleichbleibendem Bewegungsumfang trotzdem 
bei wachsender Last immer neue Empfindungen wahrnehmen, 
diese nicht durch den Muskelvorgang, sondern nur durch 
centrale Innervation entstanden sein können. Jene Beurteilung 
des Muskelvorgangs nach der Bewegungsgrösse ohne Bücksicht 
auf die Last ist aber absolut unberechtigt. Der Bewegungs¬ 
umfang sagt uns doch nur, wie weit zwei Teile des knöchernen 
Skelettes sich einander genähert haben, aber durchaus nicht, 
welche Muskeln beteiligt sind und wie gross die Kontraktion 
jedes einzelnen. Wenn ich durch Armkontraktion meine Hand 
leer bis zur Hüftenhöhe hebe und dabei den Oberarm etwa 
in der Mitte des Bicepsbauches messen lasse, dann in einem 
zweiten Versuch mit derselben Hand ein Gewicht von achtzig 
Pfund wieder in die Hüftenhöhe hebe und wieder messen lasse, 
so ergiebt sich bei mir eine Umfangsdifferenz von über drei 
Centimetern, bedingt durch schon äusserlich sichtbare Zunahme 
der Kontraktion in mannigfachen Muskelbäuchen. Der Vor¬ 
gang in den Muskeln ist also in beiden Fällen ein ganz ver¬ 
schiedener, obgleich der Bewegungsumfang derselbe, dass aber, 
wenn überhaupt ein Sinnesapparat vorhanden, um Kontraktions¬ 
änderungen wahrzunehmen, diese so verschiedenen Kontrak¬ 
tionskomplexe ungleiche Empfindungen erzeugen, das ist doch 
notwendige Folge und erheischt nicht erst die Hypothese einer 
zweiten, nicht im Muskel befindlichen Empfindungsquelle. Wir 
dürfen eben, wenn wir auch aus der Myologie gewöhnt sind, 
am Leichenpräparat die Wirkung jedes Muskels in seinem 
geradlinigen Bewegungseffekt zu studieren, durchaus nicht, das 
Verhältnis umkehrend, nun schliessen, jede Bewegung sei der
        

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