Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Willenshandlung. Ein Beitrag zur Physiologischen Psychologie
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38837/169/
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anderem Wege zu suchen, dass bei erkenntnistheoretischer 
Prüfung sich die physiologische und psychologische Erscheinungs¬ 
reihe gleichermassen als Bewusstseinsthatsache ergiebt und die 
wirkliche Unterlage beider identisch ist, während weder jener 
einheitliche Urgrund der Erscheinungen noch das Wesen des 
Bewusstseins je Gegenstand positiver Prüfung sein kann; es sind 
absolut gesetzte Thatsachen, keine Objekte der.Untersuchung. 
Doch diese Erwägung hat auch ihre Kehrseite. Man soll 
nicht glauben, die tiefsten Fragen der Erkenntniskritik mit 
einer einfachen psychophysischen Untersuchung zu lösen, man 
soll aber auch nicht glauben, psychophysische Probleme durch 
metaphysische Spekulation erledigen zu können, und dieser Irr¬ 
tum schleicht sich unbewusst immer mehr in die Kreise der 
positiven Wissenschaft, nachdem er in der Philosophie glück¬ 
lich im Absterben begriffen. So hat noch jüngst einer der 
geistvollsten jungen Physiologen, Gaule, das Problem des 
Lebens nicht metaphysisch, sondern positiv psychophysisch 
dadurch lösen wollen, dass er auf den Willen hinwies als die¬ 
jenige Kraft, die wir als handelnde Menschen unmittelbar, 
nicht erst durch die Sinne als Erscheinung, sondern in ihrer 
absoluten Wirklichkeit wahrnehmen. Unsere ganze Analyse 
hatte nicht in letzter Linie die Aufgabe, diesen Irrtum zu 
widerlegen und zu zeigen, dass die Willenshandlung als Be¬ 
wegungsvorgang nach keinen anderen Gesetzen der Materie 
sich richtet als jede Bewegung in der Natur und dass der 
Wille als Bewusstseinserscheinung ein durch unsere Sinne ver¬ 
mittelter Komplex von Vorstellungen und Empfindungen ist, 
der sich von anderen Empfindungskomplexen seinem Wesen 
nach nicht unterscheidet; dass somit die Willenshand¬ 
lung, in deren metaphysischem Urgrund das tiefste Rätsel 
des Daseins ruht, doch im Gebiete der positiven Wissen¬ 
schaft uns dem Problem des Lebens nicht näher 
bringt als jede andere psychophysische Erscheinung.
        

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