Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Willenshandlung. Ein Beitrag zur Physiologischen Psychologie
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38837/12/
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dass sie heute .die unbestrittene Grundlage der physiologischen 
Psychologie geworden. 
Eine solche anschauliche Hilfs vor Stellung, solche wider¬ 
spruchslose Verschmelzung der materiellen und der psychischen 
Vorgänge besteht nun für die aktive Seite der körperlich¬ 
seelischen Erfahrungen nicht; eine einfache Parallelsetzung 
zwischen Wille und Nerv-Muskelbewegung nützt da wenig ; 
Unklarheit, Verwirrung und deshalb Willkür herrschen in 
diesem Gebiet. Das ist ja klar: zu einer Verschmelzung der 
physiologischen und psychologischen Daten, zu einer psycho¬ 
physischen Theorie darf es erst dann kommen, wenn beide 
Disziplinen einzeln je ein zusammenhängendes widerspruchsloses 
Resultat erreicht haben, und dieses gerade fehlt. Was der 
Wille, das Begehren, oder gar die Innervationsgefühle eigent¬ 
lich sind, ist noch durchaus nicht von den Psychologen wirklich 
klargestellt; viel schlimmer aber sieht es bei den Physiologen 
aus. Zwar drängt sich hin und wieder das logische Postulat 
hervor, dass jede Körperbewegung aus materiellen Bedingungen 
erklärt werden müsse, aber die Ausführung im einzelnen setzt 
sich über die allgemeine Forderung hinweg; wenn es wirklich 
gilt, höhere Bewegungsformen etwa sittliche Handlungen zu 
erklären, so wird ohne weiteres die Zuflucht zur immateriellen 
Seele genommen: kurz, weder Physiologie noch Psychologie 
haben in sich geschlossene Kausalreihen für die Willensvor¬ 
gänge fertig gestellt, kein Wunder, wenn da die Hypothesen 
zur Verschmelzung der beiderseitigen Thatsachen meist das 
eigenartige Bild zeigen, dass man, was nicht körperlich erklärt 
werden kann, der Seele zumutet, und was die Seele nicht in 
sich findet, der fertigen Körperanlage zuschiebt. Unsere Unter¬ 
suchung muss daher notwendig erst die physischen, dann die 
psychischen Vorgänge absolut gesondert prüfen und darf erst 
dann wagen, den Ausbau einer psychophysischen Hilfshypothese 
zur Verschmelzung der beiden Kausalreihen zu versuchen.
        

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