Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie der Werte: Grundzüge einer Weltanschauung
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38813/73/
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Erstér Teil. Der Sinn der Werte. 
stinkten, sondern die unendlich zusammengesetzte Persönlichkeit 
mit dem gesamten Reichtum ihrer Erinnerungen und Erwartungen. 
Auch da vollzieht sich die Gegenwirkung ohne ein bewußtes Zutun; 
aus dem Gesamtgefüge der seelischen Zustände ergibt sich in jedem 
Einzelfalle, ob die entstehende Gesamtbewegung auf Weiterwir¬ 
kung oder auf Beseitigung zielt. Immer aber verschmilzt diese 
innere Bewegung mit dem Inhalt und verleiht ihm den Gefühlston; 
immer ist das Gefühl lediglich eine automatische Persönlichkeits- 
reaktion, die mit dem Inhalt so verschmilzt, daß sie als der subjek¬ 
tive Teil des objektiven Eindrucks, gewissermaßen als ein psychi¬ 
scher Oberton des Wahrnehmungsgrundtons empfunden wird. 
Von hier aus begreift es sich auch leicht, warum neuerdings oft 
behauptet wurde, daß es falsch sei, die Gefühle auf Lust und Un¬ 
lust zu beschränken. Man sagt, daß Ruhe und Unruhe den Ein¬ 
drücken einen ganz andersartigen Gefühlston beilege ; andere haben 
Ernst und Heiterkeit als ebensolche unmittelbare Gefühlswirkung 
bezeichnet, oder Spannung und Lösung, Erregung und Besänftigung 
und ähnliches. In der Tat läßt sich sehr wohl ein zweidimensionales 
oder dreidimensionales Gefühlssystem auf bauen, und wer den Blick 
aufs Ganze richtet, muß einsehen, daß schließlich eine unbegrenzte 
Mannigfaltigkeit von Gefühlsrichtungen anerkannt werden darf. 
Es gibt eben genau so viel Gefühle, als es Reaktionen gibt, die im 
Bewußtsein mit dem Eindruck selbst verschmelzen. Wenn der Reiz, 
etwa eine Farbe oder ein Klang, eine Nachricht oder ein Gedanke, 
unseren Reaktionsmechanismus in Erregung und Spannung versetzt, 
ohne bereits Abwehr oder Verstärkung vorzubereiten, so wird das 
Bewußtsein dieser Wirkung sich als Gefühlston an den Inhalt an¬ 
lagern ohne Unlust oder Lust einzuschließen. Der leichte Wechsel 
der Reaktionen oder die langsame Folge wird neue und neue Ober¬ 
töne erklingen lassen, und jede Aussonderung einzelner bestimmter 
Reihen wird willkürlich sein. Trotzdem liegt sicherlich guter Grund 
vor, derjenigen Reaktion, die auf Andauer oder Beseitigung des 
Reizes zielt, eine Sonderrolle zu überlassen, da ihre Beziehung zum 
ganzen Tätigkeitssystem eine unmittelbarere sein muß. Lust und 
Unlust bleiben somit die Grundgefühle. 
Wir können nun also zusammenfassend sagen : der Gefühlston 
besteht darin, daß sich zu dem Eindruck die Empfindung einer 
eigenen Tätigkeit gesellt, die auf seine Festhaltung oder Beseiti-
        

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