Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie der Werte: Grundzüge einer Weltanschauung
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38813/469/
Zwölfter Abschnitt. Die Grundwerte. 
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fahrungsweit als gemeinsam anerkennen, sind so Bekundungen des¬ 
selben einen Grundwollens, dessen selbsttreue Entfaltung der Inhalt 
des Allweltgeschehens ist. 
Hüten wir uns nur vor der irreführenden Vorstellung, als seien 
die Ichs gewissermaßen Ausscheidungen oder Machwerke des Ur- 
willens, so als hätten sie ihre Wirklichkeit außerhalb der ewigen 
Grundtat. Der überpersönliche Urwille wäre dann wirkend und in 
sich vollendet ohne Rücksicht darauf, daß er die vielen Einzel-Ichs 
aus sich entlassen. Nein, die Ichs sind im Grund willen wie die 
Tropfen im Strom und die gesamte Kulturentwicklung der Mensch¬ 
heit ist Teil des Urwollens selbst. In der Religion findet der Glaube 
einen Schöpfer, der dem Ich gegenüber steht, in einem Jenseits, in 
das die Persönlichkeit eingeht, ohne aufzugehen ; in der Philosophie 
aber sucht die Überzeugung einen Grundwillen, von dem das Ich 
selbst ein notwendiger Teil ist, in einer Übererfahrung, in die es nicht 
eingehen kann, ohne sich selbst zum Über-Ich zu erweitern. Die 
Religion ist Philosophie für das Ich, das auch dem All gegenüber 
seine Ichheit wahrt; die Philosophie aber ist Religion für das Ich, 
das in seiner eigenen Tat schließlich das All erfaßt und so im All die 
Ichheit auf löst. 
Wie die Tropfen im Strom ! — und doch ist auch solches Gleich¬ 
nis gänzlich mißdeutend, wenn es mehr besagen will, als daß die 
Ichs nicht außerhalb der Urtat leben. Irreführend aber wird es, 
wenn es daran erinnert, daß die Summe der Tropfen den Strom 
selbst bildet : die Summe der Ichs und der Icherfahrungen ist durch¬ 
aus nicht die Urtat selber. Für den Allwillen ist der Inhalt des 
Strebens ja noch gar nicht in die Form der Erfahrung eingegangen, 
da diese Form, wie wir sahen, vom Ichstandpunkt abhängig war. 
Die Anhäufung von Icherfahrung brächte daher niemals den All¬ 
willensinhalt zusammen. Und ebenso brächte die Summe einer 
unendlichen Ichreihe stets doch nur Wiederholung des auf die Er¬ 
fahrung gerichteten Wollens und nicht das Urtatwollen, das auf 
das Willensganze gerichtet ist. Die Willensart dagegen ist im Ich 
und im Über-Ich notwendig die gleiche; wir sahen ja, daß der Welt¬ 
wille wie der Einzelwille gleichermaßen nur das eine Streben be¬ 
kundet, den Inhalt zu neuem Willensansatz zu steigern und doch 
den alten Inhalt festzuhalten. Als Streben ist das Ich dem All gleich; 
nur durch die Beziehung auf Zeit und Raum entstand ja die Viel-
        

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