Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie der Werte: Grundzüge einer Weltanschauung
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38813/421/
Elfter Abschnitt, Die Gotteswerte. 
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Abhängigkeitsgefühl, die Demut und selbst die Furcht oder vielleicht 
das Vertrauen und der Kampfesmut oder schließlich der selbst ver¬ 
gessende Verzicht vorherrschen. In der Unbeirrtheit des Glaubens, 
der ohne Beweise das tiefste Lebensgefühl aus einem Jenseits 
schöpft, in dem alle Werte zur Einheit werden, da ruht die Reli¬ 
gion, die allen den wechselnden Religionen zugrunde liegt. 
Blicken wir zum fernsten Orient, so finden wir in den Chinesen 
sicherlich ein am Weltlichen haftendes Volk, dessen Ahnenver¬ 
ehrung nicht darüber täuschen darf, daß es im Grunde religionsarm 
war, bis der buddhistische Kultus von außen eindrang. Aber von 
Anfang an stand das doch fest und ward durch die großen Lehrer 
vertieft, daß der oberste Herrscher, der zunächst der Himmel selbst 
ist, die natürliche Ordnung der körperlichen Dinge und die sittliche 
Ordnung der im Staat vereinten Menschen vollkommen einheitlich 
regle. Und als das ursprüngliche chinesische Bewußtsein in Laotse 
seinen tiefsten Gemütsausdruck findet und wirklich zu reiner 
verinnerlichter Religion wird, da verkündet er: ,,Der Mensch 
stammt von der Erde, die Erde vom Himmel, der Himmel stammt 
vom Tao, und das Tao stammt ohne Frage allein aus sich selbst. 
Die ganze geschaffene Natur und ihr Schaffen und Wirken ist nur 
ein Sichtbarwerden des Tao. Dieses, obgleich an sich ein geistiges 
und stoffloses Wesen, umfaßt doch alles Sichtbare, und in ihm sind 
alle Wesen. Unbegreiflich und unsichtbar aber wohnt in ihm ein 
erhabener Geist. Dieser Geist ist das höchste und vollkommenste 
Wesen, denn in ihm ist Wahrheit, Glaube, Zuversicht. Von Ewig¬ 
keit zu Ewigkeit wird sein Ruhm nicht auf hören, denn in ihm 
vereinigt sich das Wahre, Gute und Schöne im höchsten Grade 
der Vollendung“. Das ist der Grundton, der durch die Re¬ 
ligionen aller Völker und Zeiten klingt: die Ordnung der Natur, das 
reine Glück und das sittliche Streben müssen irgendwie durch ein 
Jenseitiges vereinigt werden, das wir nicht verstehen können, aber 
an das wir glauben müssen: „Unbegreiflich und unsichtbar wohnt 
in ihm ein erhabener Geist — in ihm vereinigt sich das Wahre, Gute 
und Schöne“. 
Von China führt der Westweg nach Indien. Das wunderbare 
früh erschlaffte Volk der Inder hat in seiner Religion seine beste 
Kraft entfaltet und Grübeln und Träumen hat die Grundgedanken 
in vier Jahrtausenden immer aufs neue umgeformt. Von den unent-
        

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