Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie der Werte: Grundzüge einer Weltanschauung
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38813/390/
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Zweiter Teil« Die Welt der Werte. 
zelne Wollen mehr und mehr in Übereinstimmung mit dem ganzen 
Willensgefüge des Selbst tritt. Diese erfahrungsmäßige innere 
Willenseinheit führt dann aber weiterhin zum Ideal der höheren 
Einheit, in der nicht nur die erfahrungsmäßigen Wollungen über¬ 
einstimmen, sondern alle beherrscht werden von jenem letzten 
inneren Grund willen, der da fordert, daß die Welt kein Traum, kein 
Nur-Erlebnis ist, sondern eigenen Sinn und selbständige Bedeutung 
besitze. Nichts anderes aber war die Forderung von reinen Werten, 
und so nähert im natürlichen Entwicklungsgang das Selbst, das 
sich entfalten will, sich stetig dem reinen Bewerten. Da hegt kein 
äußerer Zwang vor und keine Rücksicht auf die gesellschaftliche 
Mitwelt ; es ist schlechthin Entwicklung der Innenwelt, freie Selbst¬ 
entfaltung, die vom selbstischen Verlangen zum Bewerten alles 
dessen führt, das der Welt Sinn gibt und schlechthin gültigen Wert 
darstellt. 
Auf welcher Stufe dieser Entwicklungsreihe der einzelne steht, 
hängt zunächst von dem geschichtlichen Fortschritt seiner Gemein¬ 
schaft ab; auch der armseligste Bürger eines modernen Staates 
steht der reinen Bewertung der Welt näher als das hochherzigste 
Glied eines Barbarenstammes. Und innerhalb jeder Gemeinschaft 
wieder kann der einzelne seinen Genossen weit voranschreiten oder 
zurückstehen. Trotzdem wissen wir, daß von alledem die sittliche 
Leistung und die sittliche Höhe nicht abhängt. Wollten wir den 
Entwicklungswert selbst schon zum Sittlichkeitswert erheben, so 
hätten Verantwortlichkeit und Verdienst, Gewissen und Pflicht 
ihren eigentlichen Sinn eingebüßt und statt zum Sollen vorzu¬ 
dringen, blieben wir im Bewerten stehen. Gewiß, wer reine Werte 
will, statt den persönlichen Augenblickszielen zu folgendst der höher¬ 
stehende Mensch. Wer die Wissenschaft sucht statt der wider¬ 
sprechenden Eindrücke, die Kunst statt des Sinnenkitzels, das 
Glück der Menschen statt des eigenen Vorteils, den Fortschritt statt 
des Verfalls, das Recht statt der Willkür, Religion statt Aberglau¬ 
bens, kurz wer eine Welt des Sinnes sucht statt beim Widersinn 
des Erlebnisses zu verharren, der steht dem Ziel des Menschentums 
näher. Überragt er seine Genossen, so muß unsere Bewunderung 
seiner Seele huldigen. 
Aber wir erfreuen uns an solcher reinen bewertenden Seele wie 
an einer schöpferischen Begabung oder einem weit schauenden Geist ;
        

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