Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie der Werte: Grundzüge einer Weltanschauung
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38813/389/
Zehnter Abschnitt. Die Leistungswerte. 
383 
Glück den Vorrang haben soll vor dem eigenen. Wir wollen nicht 
einmal prüfen, warum denn die Herbeiführung von Glück und Ge¬ 
sellschaftswohlfahrt durch unsere sittliche Handlung wertvoller sein 
soll als wenn der gleiche Erfolg durch zufällige Vorgänge geschaffen 
wird. Nicht gar selten nämlich wird dieses Glücksziel sicherlich 
durch „unsittliche“ Handlungen schneller erreicht. Wir lassen 
hier alles beiseite, was uns vom Ziele abführen kann ; für uns kommt 
es nur auf einen Punkt an : haben wir wirklich ein Recht, sittlichen 
Wert darin zu suchen, daß der Mensch gewisse Handlungsweisen 
bevorzugt und andere verabscheut? 
Da kann es nun aber für uns keinen Zweifel mehr geben, denn 
gerade diese Gefühlsbetonung gewisser Handlungsweisen erkannten 
wir längst bereits als Entwicklungswert der Persönlichkeit,, als Er¬ 
gebnis des Fortschritts vom selbstischen Trieb zum reinen bewerten¬ 
den Wollen. Daß der einzelne die Lüge und den Diebstahl und die 
Feigheit verabscheut, das alles fanden wir bereits im Umkreis der 
Entwicklungswerte, ehe von irgend einem Verdienst die Rede sein 
konnte und somit ehe die Handlung den Charakter der Sittlichkeit 
annimmt. Was da einsetzt, ehe die Sittlichkeit in Frage kommt, 
mag wohl Vorbedingung für das sittliche Leben sein, aber kann nicht 
seinen eigentlichen Sinn und Wert ausmachen. So aber verhält es 
sich in der Tat : Vorbedingung für das Sittliche ist das Bewerten von 
fremdem Glück und Wohlfahrt und Gesellschaftsleben und vielem 
andern, aber diese Bewertung entbehrt noch völlig des eigentlichen 
Sittlichkeitswertes, sowie der bloße Abscheu vor Raub und Mord 
noch keinen Rechtswert schafft. Jede Erfolgsethik bleibt so not¬ 
wendig auf dem Standpunkt des Vorsittlichen stehen. Wer zu 
Lüge und Diebstahl und Hilfeleistung überhaupt keine bewertende 
Stellungnahme besitzt, ist unfähig, moralisch zu handeln ; er ist aber 
nicht unmoralisch, sondern amoralisch: es fehlen die Vorbedin¬ 
gungen für die Möglichkeit des sittlichen Geschehens, aber dieses 
selbst ist doch eben ein Neues, das zu jener bewertenden Stellung¬ 
nahme hinzutreten muß. 
Soll das innere Leben ein Entwicklungsgang sein, so führt es 
notwendig von dem kurzsichtigen selbstischen Augenblicksbegehren 
aufwärts zur reinen bewertenden Auffassung der Welt. Wir haben 
diesen Fortgang des Selbst Schritt für Schritt verfolgt. Wir sahen, 
wie die Innenwelt sich nur dann verwirklichen kann, wenn das ein-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.