Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Philosophie der Werte: Grundzüge einer Weltanschauung
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38813/248/
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Zweiter Teil. Die Welt der Werte. 
Handlung erhalten bleiben. In dieser künstlichen Unterdrückung 
der Erwartungen und gefühlten Beziehungen liegt die einzige Un¬ 
wirklichkeit des in der Kunst uns dargebotenen Lebens. 
Der Sinn der Unwirklichkeit. Es ist daher nicht zutreffend, 
beim Kunstgenuß von einem Pendeln zwischen Wirklichkeit und 
Unwirklichkeit zu sprechen. Die Wirklichkeit der Leinwand oder 
des Marmors bleibt ja außer Frage. Darüber hinaus soll aber in 
keinem Augenblick der Eindruck der Wirklichkeit vorgetäuscht 
werden, denn das hieße, Erwartungen erwecken, und gerade die 
Hemmung aller Erwartungen ist die Vorbedingung der Kunstauf¬ 
fassung. Dagegen müssen alle wesentlichen Empfindungen angeregt 
werden, die das Ding oder Wesen, so wie es sich gegenwärtig dar¬ 
bietet, zu vollem Verständnis bringen ; nur hat das gar nichts mit 
seiner Wirklichkeit zu tun. Wir können nicht fest genug im Auge 
behalten, daß Wirklichsein im Sinne von Dasein stets ein Über-das- 
Erlebnis-hinausgehen bedeutet; das Erlebte kann sich daher in 
seinem ganzen inneren Reichtum und seiner Fülle darbieten und 
trotzdem gänzlich unwirklich bleiben, weil es nichts als das Erlebte 
sein will und nicht darüber hinaus sich dem Zusammenhang ein¬ 
paßt. Das Kunstwerk läßt uns somit nicht zwischen einem Wirk¬ 
lichen und einem Unwirklichen hin- und herschwanken, sondern 
bietet uns einen Inhalt, der so reich und so erfüllt ist, wie ein Wirk¬ 
liches, der aber grundsätzlich als ein Unwirkliches aufgefaßt wird. 
Das Unwirkliche wird dadurch nicht zum Schein, da das Wort 
Schein sagen will, daß es versucht, uns als ein Wirkliches entgegen¬ 
zutreten. Daher liegt im Schein auch der Sinn, daß es etwas 
niedrigeres, wertloseres sei als das Wirkliche. Aber die unwirkliche 
Darbietung der Kunst soll niemals Wirklichkeit Vortäuschen und 
steht durchaus nicht niedriger; das Unwirkliche ist nur ein schlecht¬ 
hin anderes, das deshalb an sich nicht wertloser ist. Das Vorwiegen 
praktischer Lebensinteressen mag uns wohl verführen, das Verhält¬ 
nis so zu denken, als sei nur das Wirkliche positiv, das Unwirkliche 
gewissermaßen negativ, als fehle dem Unwirklichen ein wesentliches 
zu seiner Berechtigung, als würde es wertvoller, wenn es sich auch 
noch die Wirklichkeit erflehen könnte. 
Mit dem gleichen logischen Rechte können wir aber das Ver¬ 
hältnis auch umkehren. Das Unwirkliche ist das in seiner Darbie¬ 
tung sich Ganzgebende, das in sich Fertige, das auf nichts außerhalb
        

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