Bauhaus-Universität Weimar

Grössenschätzung. 
Häufig schon ist darauf hingewiesen, dass unsere Grössen¬ 
schätzung, sobald sie durch den Gesichtssinn vermittelt wird, 
jederzeit ein Produkt zahlreicher Faktoren darstellt. Der Ge¬ 
sichtswinkel, also die Grösse des Netzhautbildes ist durchaus 
nicht allèin entscheidend; es tritt vielmehr jedesmal das Be¬ 
wusstsein des Abstandes vom Auge hinzu, psychologisch durch 
die Empfindung der Accomodation und der Augenkonvergenz, 
sowie durch Wahrnehmung zwischenliegender Gegenstände 
und frühere Erfahrungen repräsentiert, abgesehen von sekun¬ 
dären Momenten wie Farbennuance, Schatten, Wahrnehmbar¬ 
keit der Details u. s. w. Während bei den üblichen Augen- 
massversuchen die Entfernung vom Auge konstant bleibt, die 
Veränderung des Gesichtswinkels also allein in Frage kommt, 
hat Martius1) neuerdings, nach dem Vorgänge Fechners, 
Augenmassvergleichungen bei wechselnder Distanz ausgeführt, 
indem er objektiv wenig verschiedene oder gleiche Stäbe in 
zwei verschiedenen Entfernungen zur Vergleichung darbot und 
nach der Methode der minimalen Aenderungen den subjek¬ 
tiven Gleichheitspunkt bestimmte. Er kam zu dem Ergebnis, 
dass die Vergleichsgrösse, welche einer gegebenen Grösse bei 
verschiedenen Entfernungen gleich erscheint, mit der Entfernung 
stetig, aber sehr langsam wachse. Während die Netzhaut- 
Martius, Die scheinbare Grösse der Gegenstände. Phil. Stud. 
Bd. 5. S. 601.
        

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