Bauhaus-Universität Weimar

3 
und deren Veränderung daher vernachlässigt wurde, kurz, 
dass die Versuche und ihre Deutungen einer durchgreifenden 
Revision bedürfen, weil sie einige wesentliche Faktoren über¬ 
sahen, bei deren Berücksichtigung sich sowohl die Diffe¬ 
renzen der Versuche als auch die gesamten Eigentümlich¬ 
keiten der Zeitauffassung vielleicht als notwendig ergeben. 
Wir müssen also die bisherige Diskussion zunächst rein 
historisch verfolgen, ohne schon jetzt kritisch auf die Grund¬ 
lagen der einzelnen Versuche einzugehen. 
Selbstverständlich kommt uns dabei nicht die psycho¬ 
logisch-metaphysische Erörterung über die Zeitauffassung in 
Betracht, die ja in unserem Jahrhundert so recht im Mittel¬ 
punkt erkenntnistheoretischer Philosophie steht und in kan- 
tischem oder antikantischem Geist von ungezählten Philo¬ 
sophen gefördert wurde, abgestimmt im allgemeinen auf den 
Grundton, dass das Nacheinander der Vorstellungen noch 
nicht die Vorstellung des Nacheinanders ist. Aber gleichviel, 
ob die eine Partei recht hat oder die andere, ob die Zeit 
die Anschauungsform ist, in welche die Eindrücke sich ordnen, 
ob sie mit den Eindrücken entsteht oder nach denselben, 
alles das berührt nicht die rein empirische Frage, mit wel¬ 
cher Genauigkeit wir Zeitgrössen schätzen. Nur die Unter¬ 
suchung dieses begrenzten Problèmes hat uns in unserem 
litterarischen Rückblick zu beschäftigen. 
Die erste Anregung zu experimenteller Prüfung des 
Zeitsinnes ging von Czermak1) aus. Er verlangt, um die 
Feinheit des Zeitsinnes zu prüfen, dass zunächst das kleinste 
zwischen zwei Eindrücken noch wahrnehmbare Zeitintervall 
gemessen werden soll. Von besonderer Wichtigkeit wäre es, 
des weiteren zu „ermitteln, ob nicht etwa dasselbe objektive 
Zeitintervall, durch verschiedene Organe zur Wahrnehmung 
gebracht, verschieden lang erscheine, und wie gross die 
*) Czermak, Ideen zu einer Lehre vom Zeitsinn. In Molesehotts 
Untersuchungen zur Naturlehre. Bd. 5. Heft 1. 1858.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.