Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Willenshandlung. Habilitationsschrift
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38739/17/
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welcher Substanz in den Nerven, gegen die Annahme einer 
stossartigen Wirkung, bei welcher die Ermüdungserscheinung 
unerklärbar wäre *), und nicht minder gegen die Annahme 
natürlich durchfliessender elektrischer Ströme, die früher solch 
grosse Rolle spielten. Eine chemische Erregung, die von 
Teilchen zu Teilchen übertragen wird, gewährt dagegen eine 
widerspruchslose, voll befriedigende Erklärung, wenn wir dabei 
den wertvollen Gesichtspunkten folgen, die AVundt zur Er¬ 
klärung des Innervationsvorganges aufgestellt und durchgeführt 
hat. Ihr Grundgedanke ist der, dass bei jeder Nervenreizung 
komplexe lose Moleküle in enger verbundene einfachere Moleküle 
zerfallen und dadurch die innere Molekulararbeit in äussere 
übergeht. Die Theorie in ihrer Mannigfaltigkeit zu verfolgen, ist 
hier nicht der Ort; uns genügt der Hinweis auf dieselbe, um auch 
für die zweite Frage, die Frage nach der Art des Nerv-Muskel¬ 
vorgangs die Behauptung zu widerlegen, dass eine rein natur¬ 
wissenschaftliche Erklärung der Körperbewegung unmöglich sei. 
Gerade nach den schnellen Fortschritten der Elektrophysiologie 
wird die Neurochemie sich sehr entwickeln müssen, wenn sie den 
Anforderungen gerecht werden will ; dass aber zur Erklärung der 
Muskelzuckung bei Rindenreizung die Naturgesetze aus¬ 
reichen und kein Sprung ins Immaterielle nötig ist, darüber 
kann schon heute kein physiologischer Chemiker im Zweifel sein. 
Wir dürfen freilich nicht vergessen, dass die beiden bisher 
betrachteten Fragen die einfachsten des Rätselkomplexes sind 
und daher diejenigen, deren Lösbarkeit am wenigsten in neuerer 
Zeit bestritten. Wir kommen im Verfolg des Problems nun 
zu der sich weiter ergebenden Frage : wie im normalen Leben 
solche, Muskelkontraktion auslösende Hirnreizung zu stände 
kommen kann. Offenbar liegt hierin, vom naturwissenschaft¬ 
lichen Standpunkt betrachtet, das Problem der Spontaneität. 
Das, was wir dem Willen als Freiheit prädizieren, ist, 
materialistisch gedacht, nur unsere Unfähigkeit, zu erklären, 
’) Hermann: Allg. Nervenphysiologie, in Hermanns Handbuch. 
Bd. II. 1. S. 191.
        

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