Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Lehre von der natürlichen Anpassung in ihrer Entwickelung, Anwendung und Bedeutung. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doctorwürde bei der Philosophischen Fakultät Leipzig
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38737/98/
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drittes Prinzip hat, sanktioniert durch den Namen des Entdeckers, 
allgemeinste Anerkennung gefunden: die geschlechtliche Zuchtwahl. 
Das Prinzip der geschlechtlichen Zuchtwahl, das Darwin, 
vielleicht nicht ohne einseitige Überschätzung, mit zahllosen 
Beispielen illustriert hat, ist eigentlich noch einfacher als die 
anderen. Wir . hatten gesehen, daß ein Organ sich deshalb modi¬ 
fizieren kann, weil gewisse Gewebselemente in dem Organ unter 
günstigeren Bedingungen stehen als andere, daß zweitens ein Organ 
sich deshalb modifizieren kann, weil gewisse zufällige Änderungen 
die Erhaltung des Individuums eher begünstigen als andere, und 
drittens, sagt nun Darwin, kann ein Organ sich deshalb modifizieren, 
weil die zufällige Änderung eine günstige Bedingung für die Fort¬ 
pflanzung ist, die Tiere und Pflanzen mit der günstigen Abweichung 
also mehr Gelegenheit haben, diese zu vererben, als Geschöpfe mit 
Eigentümlichkeiten, welche die Fortpflanzung erschweren. Selbst¬ 
verständlich setzt auch dieses Prinzip erstens die unerklärten Fort- 
pflanzungs- und Vererbungserscheinungen und zweitens das zufällige 
Auftreten erheblicher Variationen voraus. Alle Organmodifikationen 
durch geschlechtliche Zuchtwahl haben ihre eigentliche Stelle natür¬ 
lich bei der Anpassung der Art, da sie der Erhaltung der Art vor 
allem dienen; zur Anpassung der Organe gehören sie nur insofern, 
als nun indirekt das Organ, das der'Arterhaltung nützt, durch das 
Bestehen der Art sich selbst erhält. 
Aus dem Begattungs- und Zeugungsprozeß dürften sich ver¬ 
schiedene Stadien sondern lassen,- deren jedes andere Organmodi¬ 
fikationen züchten konnte. 
Der erste Schritt ist die räumliche Näherung oder Vermittelung 
der beiden Geschlechter. Bei den Pflanzen ist z. B. die Anpassung 
der Blüfenorgane bekannt, welche Insekten zum Besuch veranlassen, 
die ihrerseits die Bestäubung vermitteln, ein Vorgang, der uns bei 
der wechselseitigen Anpassung von Pflanze und Tier näher beschäf¬ 
tigen wird. Bei den Tieren sind die bekanntesten Fälle dieser Art, 
z. B. die Modifikationen der Lokomotions- und Sinnesorgane, die 
Tonproduktionsapparate, wobei die Töne zum Aufsuchen und Rufen 
wohl von den musikalischen Locktönen zu unterscheiden sind. — 
Der zweite Bedingungskomplex besteht in dem Vorhandensein zahl¬ 
reicher Mitbewerber; als Anpassungserscheinung wird hier jede 
Eigenschaft gelten, welche das eine Männchen gegenüber anderen 
in Vorteil bringt. Diese Anpassung ist offenbar vor allem anderen 
dadurch charakteristisch unterschieden, daß sie niemals eigentlich
        

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