Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Lehre von der natürlichen Anpassung in ihrer Entwickelung, Anwendung und Bedeutung. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doctorwürde bei der Philosophischen Fakultät Leipzig
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38737/96/
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einen Prozeß entsteht, der sich in jedem einzelnen Individuum durch 
Übung etc. wiederholt und schließlich durch die stete Vererbung 
der Disposition sich so häuft, daß die vollständige Adaption ange¬ 
boren wird, daß aber die zweite durch eine natürliche Auslese der 
Meistbegünstigten im Kampf erfolgt. 
Die Fragen, woher zum ersten Male gewissen Gewebselementen 
die Fähigkeit zukam, durch Ausübung einer bestimmten Leistung 
zu wachsen, oder woher zum ersten Male gewisse Sekrete dufteten, 
Pigmentkömer sich einlagerten, diese Fragen sind zweifellos nicht 
minder wichtig, als die Fragen, wie diese einmal, sei es auch nur 
minimal, vorhandenen Eigenschaften zu Merkmalen der Art wurden. 
Meist hat man die Existenz des ersten Problems überhaupt 
nicht berücksichtigt, oder hat durch allgemeine unwahrscheinliche 
Voraussetzungen, wie unbegrenzte Variabilität etc. den fehlenden 
festen Stützpunkt für das Wirken des Anpassungsvorganges suchen 
wollen; selbst diese würde vielleicht Formvariationen erklären, aber 
das erste erbliche Auftreten von Duftstoffen, Farbstoffen etc. völlig 
im dunklen lassen. Gerade z. B. die Lehre von den Farben der 
Tiere steht trotz des reichen Materials erst im Anfang der Erkennt¬ 
nis, da hier offenbar erst eine Erklärung des ersten Anstoßes von 
Entscheidung sein kann, zumal Erscheinungen wie die Mimicry 
kaum durch Zufall erklärbar sind und noch weniger der Farben¬ 
wechsel mit den Jahreszeiten. Zu beachten ist dabei allerdings, daß 
jene Farben und Gerüche durchaus nicht erst damals auftreten mußten, 
als sie nützlich waren; es ist ja nicht zu leugnen, daß jedes Ding 
irgend eine Farbe, vielleicht jedes irgend einen Duft hat, auch wenn 
es nicht gesehen und gerochen wird, daß mithin Farben, Dufte etc. 
schon voll entwickelt gewesen sein können, als durch einen Be¬ 
dingungswechsel die anpassende Auslese begann. So wie beim 
Funktionswechsel eine schon fertige Nebenfunktion zur Hauptfunktion 
wird, so würde die bis dahin wertlose Nebeneigenschaft der Farbe 
unter neuen Verhältnissen zur Haupteigenschaft des Organs. — 
Doch die Anpassungslehre als solche hat dieses Problem nicht zu 
verfolgen; sie hat überall nur das schon Vorhandene zu berück¬ 
sichtigen. Die Anpassung kann nirgends qualitativ neue Elemente 
schaffen; nur die Verschiebung der Proportionen gegebener Faktoren 
ist ihre Aufgabe; wie die Faktoren entstanden, ist vom Standpunkt 
der Anpassungslehre gewissermaßen Metaphysik. 
Die aus allen Geschöpfgruppen bunt zusammengewürfelten Bei¬ 
spiele beweisen, daß die beiden skizzierten Faktoren von weitreichen-
        

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