Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Lehre von der natürlichen Anpassung in ihrer Entwickelung, Anwendung und Bedeutung. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doctorwürde bei der Philosophischen Fakultät Leipzig
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38737/95/
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nähren kann, also sich nicht vor seiner Beute unsichtbar zu machen 
braucht, auch im sibirischen Winter seinen braunen Pelz behält. 
Eine Farbenassimilation ganz besonderer Art bezieht sich nicht 
auf die Haut des ausgebildeten Tieres, t sondern auf die Hülle des 
Embryos, auf das Yogelei, das wir wohl mit vollem Recht den be¬ 
trachteten Erscheinungen anreihen können. Während nämlich die 
Eier, welche in Höhlen, Kuppelnestern oder sonst irgendwie den 
Blicken von Feinden verborgen sind, fast ausnahmslos weiße Farbe 
haben, sehen wir alle frei liegenden Eier, sofern nicht die Brüter 
große Wehrkraft haben, wie der Adler, der Storch etc., dem Boden 
sympathisch gefärbt.1) So sind die Eier der Offenbrüter im Wüsten¬ 
sand gelb, auf Torfboden braun, im Laub oder Wiesengras grün etc. 
Aber die schützende Färbung geht noch weiter in der Nach¬ 
ahmung lebender Geschöpfe, welche meist außer der Farbe noch 
gewisse täuschende Gewohnheiten umfaßt, wie das blütengleiche 
Ruliigsitzen mancher Schmetterlinge oder das lose Amgebüschhängen 
der Gespenstheuschrecken, welche von dürren Asten kaum zu unter¬ 
scheiden sein sollen. Eine besondere Form dieser Nachahmung ist 
die als Mimicry bekannte Nachäffung anderer Tiere, und zwar die 
Nachäffung gut geschützter und mit gefürchteten Verteidigungswaffen 
versehenen Tiere durch ungeschützte oder die Nachahmung harm¬ 
loser, nicht gefürchteter Geschöpfe durch gefährliche Verfolger. Beide 
Formen der Maskerade müssen einen erheblichen Vorteil im Kampf 
ums Dasein bringen. Das Auffallende dieser Erscheinung hat in 
der Litteratur sehr eingehende Untersuchung veranlaßt und das 
Material ist durch Wallace, Darwin, Bates, Semper u. a. in über¬ 
raschender Weise gehäuft; allerdings hat hier die Willkür sehr 
freien Spielraum und mancher Fall erscheint etwas gekünstelt und 
gesucht. Allgemein anerkannte Beispiele sind harmlose Sesien, die 
wie stechende Wespen aussehen, ungeschützte amerikanische Schmetter¬ 
linge, die solchen mit Stinkdrüsen gleichen etc. 
Wir haben die Übersicht der häufigsten, die Organe beein¬ 
flussenden Bedingungen und der illustrierenden Beispiele nicht unter¬ 
brochen durch Diskussion über die phyletische Entstehung der 
Einzelfälle. Dieselbe hätte ja keine andere Aufgabe verfolgen 
können als den ziemlich willkürlichen Versuch der Scheidung 
zwischen den beiden überall ineinandergreifenden Faktoren, der 
direkten und indirekten Anpassung. Wir sahen, daß die erste durch 
*) Reichenau, Die Eier und Nester der Vögel. 1880. S. 72 ff.
        

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