Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Lehre von der natürlichen Anpassung in ihrer Entwickelung, Anwendung und Bedeutung. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doctorwürde bei der Philosophischen Fakultät Leipzig
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38737/82/
80 
folgen können, weisen aber wieder über sich selbst hinaus und 
lassen den Vorgang nur als Folgeerscheinung eines Zustandes er¬ 
scheinen, der selbst Resultat eines .phylogenetischen Anpassungs¬ 
prozesses ist. Die eigentliche Erklärung des uns sichtbaren Vor¬ 
ganges führt somit über die individuellen Verhältnisse hinaus. 
Dahin gehören z. B. die periodischen Bewegungen der Blüten¬ 
blätter, die sich durch ihren nächtlichen Schluß vor Tau schützen, 
und der Laubblätter, welche die Abkühlung des Chlorophyll 
vermeiden; dahin gehört die Reizbarkeit der Mimose, wenn die 
Annahme berechtigt, daß dieselbe Schutz gegen Hagel und Regen 
gewähren soll.*) Ebenso gilt das für die Wurzelbildung ab¬ 
geschnittener Stecklinge, für die Haftwurzeln des Epheu, die sich 
bei experimentellem Beleuchtungswechsel stets an der Seite bilden. 
Dahin gehören auch die zahlreichen Anpassungsprozesse, deren 
Vorgang an sich noch völlig rätselhaft, wie z. B. der Farben¬ 
wechsel mancher Fische, die nach Pouchetschen Versuchen binnen 
weniger Stunden die Farbe des Grundes annehmen, über den man 
sie gebracht, oder die Saisonfarbenverwandlung mancher Schmetter¬ 
linge , deren Zusammenhang mit der Temperatur experimentell 
erwiesen ist.* 2) 
Vor allem gehören hierher aber die zahllosen Erscheinungen, 
welche durch Gebrauch und Nichtgebrauch veranlaßt werden. Was 
zunächst den Gebrauch betrifft, so sind solche Fälle ganz besonders 
vom menschlichen Körper bekannt, wo durch Übung gestreifte und 
glatte Muskeln, motorische und sensible Nerven gesteigerte Funk¬ 
tionsfähigkeit erlangen. Meist aber werden diese Erscheinungen 
der Übung als Vorgänge sui generis behandelt; in ihrer Gesetz¬ 
mäßigkeit wird ein besonderes Hilfsprinzip gesucht, das von den 
eigentlichen Anpassungsprinzipien verschieden ist. Eine Analyse 
der Thatsachen dürfte dagegen darthun, daß sie gerade durch eine 
Betrachtung unter dem Gesichtspunkt der Adaption an konstante 
Bedingungen dem Verständnis näher gerückt werden. 
Zunächst muß bei der Zerlegung der Übungserscheinung der 
Faktor des Willens ausgeschlossen werden. Die große Rolle, 
welche das Psychische in der natürlichen Anpassung spielt, wird 
uns später eingehend beschäftigen ; für die Übungserscheinungen 
ist dieses psychische Moment aber völlig indifferent und ver- 
b Sachs, Pflanzenphysiologie. S. 785 u. S. 800. 
2) Weis mann, Über die Saison-Dimorphismen der Schmetterlinge. 1875.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.