Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Lehre von der natürlichen Anpassung in ihrer Entwickelung, Anwendung und Bedeutung. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doctorwürde bei der Philosophischen Fakultät Leipzig
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38737/68/
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sie sind die konstante Bedingung, die Anpassung ist eine natür¬ 
liche; im andern Falle ist die freie Willenshandlung Ursache jener 
auf Schutz abzielenden Vorgänge, die Anpassung ist nur eine 
künstliche. 
Prozesse natürlicher Anpassung an abnorme Bedingungen ver¬ 
folgen wir in anderer Art, wenn z. B. die durch Prolapsus vorge¬ 
stülpte Schleimhaut, die anfangs äußerst empfindlich und entzünd¬ 
bar, sich mit dicker trockner Oberhaut bedeckt.x) Umgekehrt ist 
es bekannt, daß Pflanzen, die im Freien nur mit dicker Binde zum 
Schutz gegen das rauhe Klima wachsen, in den Warmhäusern die 
Rinde viel langsamex und unvollkommener entwickeln. — Beispiele 
von Gewebsanpassungen sind auch jene Wucherungen, welche häu¬ 
figem Reiz ihren Ursprung verdanken und durch ihr Auftreten das 
Gewebe vor dem immer aufs neue wiederkehrenden Reize schützen; 
dahin gehören die Schwielen, die durch Druck, Reibung, Berührung 
heißer Gegenstände oder ätzender Flüssigkeiten entstehen.* 2) Eine 
noch interessantere Wirkung übt der Reiz durch seine häufige 
Wiederkehr da aus, wo er die Funktion des Gewebes auslöst; das 
Gewebe erhält sich hier nicht dadurch, daß es sich vor dem Reiz 
abschließt, sondern dadurch, daß es die funktionsleistenden Zellen 
vermehrt und stärkt, eine Veränderung, die nur durch die Annahme 
erklärbar wird, daß der spezifische Reiz eine günstige Stoffwechsel¬ 
bedingung für das Gewebe ist, eine Annahme, welche der Hypothese 
über die trophische Wirkung des Reizes auf die Zelle parallel geht. 
Diejenigen Zellen im Gewebe, welche zufällig durch den Reiz er¬ 
nährt wurden, siegten über die andern. Die normal sich bildenden 
Funktionsgewebe sind demnach das Resultat stammesgeschichtlicher 
Zellenselektion, von der darwinistischen Auslese der Individuen 
natürlich unterstützt. Tritt nun eine häufigere Wiederholung des 
nährenden Reizes ein, z. B. das Melken der Euter, die Sperma¬ 
ejakulation der Hoden, die Kontraktion den Muskelfasern u. s. w., 
so wachsen und vermehren sich die leistenden Zellen, und das 
Resultat ist jene Erscheinung, die, als Einfluß der Übung allbekannt, 
nichts ist als eine Anpassung an den Reiz. Enthielt das Gewebe 
bei dem ersten funktionsauslösenden Reiz teils funktionierende 
Zellen, welche durch den Reiz im Stoffwechsel gefördert wurden, 
teils wenig oder nichts mitleistende, durch den Reiz daher wenig 
*) Spencer, Biologie. Bd. II, 'S. 335. 
2) Dubois-Reymond, Über die Übung. 1881. S. 15.
        

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