Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Lehre von der natürlichen Anpassung in ihrer Entwickelung, Anwendung und Bedeutung. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doctorwürde bei der Philosophischen Fakultät Leipzig
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38737/6/
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erfolge: und dennoch deutet kein -Wort darauf hin, wie er sich den 
Grund denkt, aus welchem ohne zwecksetzende Intelligenz die Zweck¬ 
mäßigkeit in der Natur entstand. 
Dieselbe Umgehung des Zweckmäßigkeitsproblems treffen wir 
bei Epikur; und selbst Lukrez, der bei der poetischen Wiedeï- 
gabe von Epikurs Lehre Betrachtungen über diesen Punkt einfügt, 
läßt das eigéntliche Problem unberührt. Lukrez sagt zwar aus¬ 
drücklich, daß die zweckmäßige Anordnung der Atome nur eine 
der unzähligen Wandlungen sei, welche sie, im All durch Stöße 
getrieben, seit Ewigkeit durchgemacht haben, daß aber, als die 
Atome zufällig in die geeignete Bewegung kamen, diese sich erhalten 
hat, und deshalb die Erde, von der Sonne erwärmt, immer neue 
Geburten zeugt. Aber die letzten Worte dieser materialistischen 
Betrachtung im I. Buch verweisen schon auf die ausführliche Dar¬ 
stellung der Entstehung der Lebewesen1), wo Lukrez phantasievoll 
erzählt,- wie die Erde in früherer jugendkräftiger Zeit die Geschöpfe 
fertig aus sich hat herauswachsen lassen; er fügt zwar zu, daß 
zuerst Mißgeburten entstanden, dennoch ist die Annahme vom Ent¬ 
stehen der zweckmäßigen Tiere aus der Erde so ohne jeden Zu¬ 
sammenhang mit dem System und so widersprechend dem mechanischen 
Prinzip, daß gerade die breit ausgeführte Darstellung des Lukrez 
zur Evidenz beweist, daß der Materialismus jener Zeit dem Problem 
von der den Existenzbedingungen angepaßten Zweckmäßigkeit der 
Organismen bei weitem nicht gewachsen war. 
Wenn somit selbst der Materialismus, der zu seiner Abrundung 
grade in dieser Frage der Kausalerklärung dringend bedarf, bei den 
Griechen trotzdem keinen wesentlichen Beitrag zu ihrer Lösung 
gefunden hat: so ist es kein Wunder, daß die damalige idealistische 
Philosophie, die durch eine Erklärung der zweckmäßigen Natur aus 
zwecklosen Ursachen geradezu eine Hauptstütze verloren hätte, sich 
überhaupt nicht mit dem Problem beschäftigte. Eine Antwort im 
modernen Sinn hätte weder in die platonische Ideenlehre gepaßt, 
noch wäre sie mit Aristoteles’ Annahme von der Ewigkeit der 
Welt vereinbar gewesen. Nur an einer einzigen Stelle nimmt 
Aristoteles, um die Gegengründe gegen seine Ansicht als unmöglich 
nachzuweisen, die Argumente der Antiteleologen über unser«? Frage 
auf, und bringt dabei, von Empedokles angeregt, den nach seiner 
Meinung falschen Gedankengang klarer und konsequenter vor, als 
J) Lukrez, Buch V, 886 ff.
        

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