Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Lehre von der natürlichen Anpassung in ihrer Entwickelung, Anwendung und Bedeutung. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doctorwürde bei der Philosophischen Fakultät Leipzig
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38737/57/
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Moosblättern, kleine Schnitte aus der Epidermis der Wasserblätter 
gewisser Pflanzen sogar Wochen lang am Lehen.1) Andererseits 
wird durchaus nicht jede Bedingungsänderung das Zellenleben 
beeinflussen, denn die Zelle verhält sich niemals bloß passiv gegen¬ 
über ihrer Umgebung; speziell ihr Ernährungsmaterial „wählt“ sie 
sich selbst aus2) und kann somit bei bedeutenden Einflußschwankungen 
in ihren der Mittellage angepaßten Eigentümlichkeiten erhalten bleiben. 
Die vollendete Anpassung selbst ist das Resultat phylogenetischer 
Selektion, und da sie mithin durchweg die unerklärten Vererbungs¬ 
vorgänge voraussetzt, ist sie einer wirklichen Kausalerklärung unzu¬ 
gänglich. Nehmen wir aber den Vererbungsfaktor als gegebene 
Thatsache, so bleiben für die hypothetische Erklärung der Zell¬ 
anpassung noch zwei Wege offen. Die irgendwie modifizierten 
Zellen können nämlich erhalten geblieben sein, sich vermehrt und 
die Modifikationen gehäuft haben, entweder weil jene Eigentümlich¬ 
keiten dem ganzen Organismus nützlich waren, dessen Erhaltung 
indirekt die Zellenerhaltung bedingte, oder weil die Einrichtungen 
direkt der Zelle selbst nützlich waren. Nur der erste Fall liegt 
im Bereich des eigentlichen Darwinismus, sicher ist aber der andere 
nicht seltener. 
Wenn z. B. die cilientragende Zelle im Wirbeltiersamen bei 
-(- 12° die untere Temperaturgrenze hat, die der Kaltblüter erst 
bei — 2,5° in die Kältestarre tritt3), so werden wir doch nicht 
den hypothetischen Vorgang uns so denken, daß alle Kaltblüter, 
deren Cilien bei der Frostgrenze matter fungierten, langsam ab¬ 
starben und schließlich nur solche mit angepaßten Cilien übrig 
blieben; vielmehr werden wir annehmen dürfen, daß innerhalb der 
Zellen die Elemente sich ausbreiteten, welche die Kälte überstanden 
und darauf unter den Zellen beim einzelnen Tier nur die erhalten 
blieben und sich vermehrten, welche so der Kälte angepaßt waren. 
— Wenn der Protoplasmafuß der Epithelzelle verbreitert und mit 
feinen Zacken versehen ist, um auf den bindegewebigen Substrat 
festzusitzen4), so werden wir wieder nicht von einer Selektion der 
Individuen, sondern von Selektion der Zellenelemente und Zellen 
sprechen. Ebenso, wenn wir Zellen finden, die mit modifizierter 
Membran umgeben, um sich gegen gewisse Einflüsse zu schützen, 
x) Frank, Pflanzenkrankheiten. S. 340. 
2) Virchow, Cellularpathologie. IV. Aufl. S. 370. 
3) Wundt, Physiologie. IV. Aufl. S. 129. 
4) Krause, Allgemeine Anatomie. 8. 24.
        

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