Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Lehre von der natürlichen Anpassung in ihrer Entwickelung, Anwendung und Bedeutung. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doctorwürde bei der Philosophischen Fakultät Leipzig
Person:
Münsterberg, Hugo
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38737/25/
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können wir diesen Anpassungsvorgang nicht erklären. Dabei ist nun 
an zweierlei zu erinnern. Erstens: Wenn wirklich ausnahmslos bei 
jeder Fortpflanzung nicht ganz gleiche, sondern nur den Eltern 
ähnliche Geschöpfe entstehen, so ist das doch ein sogenanntes Ver¬ 
erbungsgesetz. Kausal sind ja alle Vererbungsgesetze nicht über¬ 
sichtlich, wir müssen uns mit der Elementaranalyse begnügen. 
Wenn wir aber wirklich alle ausnahmslosen Thatsachen der Fort¬ 
pflanzung sammeln und gruppieren, und das gemeinsame jeder 
Gruppe, wie Haeckel es thut, ein Vererbungsgesetz nennen, so können 
wir die ausnahmslose Beobachtung, daß jedes Geschöpf nur ähnliche, 
nicht gleiche Wesen erzeugt, getrost auch zu den Vererbungsgesetzen 
rechnen. Dasselbe gilt von den Gesetzen der monströsen und der 
sexuellen Anpassung. 
Zweitens aber müssen wir fragen: was wird durch diese Be¬ 
trachtung gefördert? Daß, wenn ein Tier braune und gelbe Junge 
wirft, das Auftreten verschiedener Farben nicht die Kausalitätsreihe 
durchbricht, ist selbstverständlich; die Ursache selbst aber wird 
uns durch die Subsumtion, es sei Anpassungserscheinung, um nichts 
näher gerückt. Dagegen ist die Verwirrung deutlich, sobald wir 
daneben den Satz stellen, daß die meisten Wüstentiere gelb, viele 
Borkentiere braun sind. Hier ist die Farbe wirklich Anpassung 
an eine konstante Bedingung, dort ist sie Folge einer uns unbekannten 
einmaligen zufälligen Ursache. Nennen wir das Gelb des Wüsten¬ 
tieres Anpassung an die Wüstenfarbe, so bezeichnen wir damit 
einen typischen Fall für ein Gesetz, das uns deduktiv unendlich 
viel zur Naturerklärung nützen kann; nennen wir das Gelb eines 
Tieres, das braune und graue Geschwister hat, ebenfalls Anpassung 
und zwar an eine unbekannte Ursache, so erhalten wir ein leeres 
Wort, dessen schablonenhafte Anwendung auf jede physiologische 
Erscheinung die Weiterforschung scheinbar unnötig macht, that- 
sächlich dadurch aber nur der Naturerklärung im Wege steht. 
Logisch berechtigter als diese sogenannten potentiellen sind 
Haeckels aktuellen Anpassungsgesetze, nur lassen sich alle zu dem 
zweiten, dem Gesetz der kumulativen Anpassung zusammenziehen. 
Das erste lautet: „Alle organischen Individuen werden im Laufe 
ihres Lebens durch Anpassung an verschiedene Lebensbedingungen 
einander ungleich, obwohl die Individuen einer und derselben Art 
sich meistens sehr ähnlich bleiben.“1) Wenn er als Beispiel dieses 
*) Haeckel, a. a. O. S. 207,
        

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