Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über Bewegungsempfindungen: Inaug.-Diss.
Person:
Delabarre, Edmund Burke
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38706/75/
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den Komplex des Erinnerungsbildes, welches die genaue Bewegung 
erzeugt. Einige dieser Nebenempfindungen sind bei der Erlernung 
der Kunst entbehrlich. Ein Taubgeborener,1) ein Blindgeborener 
kann Klavierspielen lernen; obgleich dies für einen, der zugleich 
blind und taub ist, unmöglich wäre. In der Kontrole über die 
Ausführung der Bewegung können auch einige dieser Neben¬ 
empfindungen von geschickten Spielern entbehrt werden ; das Gefühl 
der Tasten zusammen mit den kinästhetischen Empfindungen würde 
selbst bei der Abwesenheit von Gesicht und Gehör zweifellos genügen, 
um die richtige Ausführung eines komplicirten Stückes zu er¬ 
möglichen. Die Kombination akustischer und kinästhetischer Bilder 
in dem Erinnerungsbild würde die erforderlichen successiven 
Innervationen hervorrufen ; das Gefühl der Lage auf den Tasten 
würde die Ausführung kontroliren. Aber wenn gleichzeitig die 
Finger anästhetisch gemacht würden, so würde bei der Abwesen¬ 
heit jeglicher Kontrole über die Genauigkeit der kinästhetischen 
Empfindungen ein exaktes Spielen unmöglich sein. Auch der 
Taschenspieler bringt es zu einer grossen Genauigkeit in der Aus¬ 
führung feiner Bewegungen. 
„Ich persönlich habe mich bei Untersuchungen über den sogenannten 
Muskelsinn vielfach mit Jongleuren abgegeben, und ich muss gestehen, dass die 
Feinfühligkeit dieser Leute für die kleinsten Schwankungen des Gleichgewichts 
und die Anpassungsfähigkeit ihrer Bewegungen an das Unglaubliche streift. 
Ein Japaner zeigte mir beispielsweise das Voltigiren von vier verschieden 
schweren Kugeln in der Luft, während er gleichzeitig einen beliebigen englischen 
Text laut vorlas; er vermochte also die Wurflinien und die durch sie bedingten 
Handbewegungen auf das Genaueste abzuschätzen, obwohl Auge und Aufmerk¬ 
samkeit in anderer Richtung beschäftigt waren.2)“ 
Hier ist es klar, dass Empfindungen des Tastsinnes und des 
Gesichtssinnes zu festen Bestandteilen des Erinnerungsbildes ge¬ 
worden und für die Kontroleder Ausführung der Bewegung not¬ 
wendig sind. 
Daraus ersieht man, wie komplicirt das Erinnerungsbild und 
die regulirenden Empfindungen sein müssen, um zu einer absoluten 
Genauigkeit bei der Ausführung irgend einer gewünschten Be¬ 
ll Stumpf, a. a. O., Bd. I, S. 294 f. 
2) Max Dessoir, Zur Psj'chologie der Taschenspielerkunst, S. 13. 
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