Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Plutarch über das archaische und klassische Zeitalter der griechischen Musik
Person:
Westphal, Rudolph
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit38660/56/
Vortrag des Soterichos. 
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macht Niemanden zugleich zu einem vollkommenen Musiker und Kri¬ 
tiker.- Weshalb man hierdurch noch kein Kritiker wird, wollen wir 
einzusehen versuchen. 
Wir ersehen dies erstens daraus, dass dasjenige, was unserem 
musikalischen Urtheile vorgeführt wird, theils Selbstzweck, theils Mittel 
zum Zweck ist. Selbstzweck ist einerseits jede Composition als solche 
betrachtet, also jedes durch Gesang oder Aulos- oder Kitharaspiel vor¬ 
getragene Musikstück, andererseits die eine solche Composition uns 
vorfiihrende Kunst des Virtuosen, also die Virtuosität des Aulosspieles, 
des Gesanges u. s. w. Mittel zum Zweck ist Alles Einzelne, was auf 
den genannten Zweck Bezug hat und zur Erreichung desselben noth- 
wendig ist : dahin gehörten die einzelnen Bestandteile des musika¬ 
lischen Vortrags. 
Wir ersehen es zweitens aus der Compositionskunst, denn mit 
dieser verhält es sich ebenso (auch hier ist das was Selbstzweck und 
was bloss Mittel zum Zweck ist zu unterscheiden). 
[Was nämlich den ersten dieser beiden Punkte anbetrifft], so wird 
man beim Anhören eines Auleten beurteilen, ob die Auloi zusammen¬ 
stimmen oder nicht, ob die Mehrstimmigkeit verständlich oder unver¬ 
ständlich ist. Alles derartige ist aber nur ein einzelner Bestandteil 
des auletischen Vortrags — es ist nicht Selbstzweck, sondern nur ein 
Mittel den Zweck zu erreichen. Denn neben diesen und allen anderen 
Einzelheiten des auletischen Vortrages wird man die ethische Wirkung 
desselben auf unser Gemüth zu beurteilen haben, ob diese dem Geiste 
der vorliegenden Composition, welche der Virtuose zur Darstellung hat 
bringen wollen, angemessen ist oder nicht. 
Dasselbe gilt auch, um nun auf den zweiten Punct einzugehen, 
von den Fehlern, welche von der Compositionskunst beim Nieder¬ 
schreiben in den Musikstücken begangen werden. Klar wird das 
werden, wenn man eine jede der theoretischen Musik-Disciplinen 
ihrem Inhalte nach näher sich ansieht. Die Harmonik nämlich be¬ 
handelt die Tongeschlechter, Intervalle, Systeme, die Töne, die 
Tonarten und die Uebergänge aus einem Systeme in das andere, 
aber weiter erstreckt sie sich nicht, so dass man nicht einmal suchen 
darf, aus der Disciplin der Harmonik zu erkennen, ob der Com- 
ponist in einer dem Character der Tonarten entsprechenden Weise 
den Anfang in hypodorischer, oder den Schluss in mixolydischer und 
dorischer, oder die Mitte in hypophrygischer und phrygischer Tonart 
gesetzt hat, denn auf derartige Fragen geht die Disciplin der Harmonik
        

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