Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik. Dritte umgearbeitete Ausgabe
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit3865/559/
544 Dritte Abtheilung. Achtzehnter Abschnitt. 
Molltonleiter in keiner Weise auf eine Verwandtschaft zweiten Gra¬ 
des zurückführen. Er ist deshalb auch entschieden unmelodisch, 
und musste in der alten homophonen Musik ganz vermieden wer¬ 
den, ebenso wie die Schritte in falschen Quinten und Quarten, z. B. 
h —/' oder f — 7t'. Daher denn die schon oben besprochenen 
Aenderungen der aufsteigenden und absteigenden Molltonleiter. 
In der neueren harmonischen Musik sind nun viele dieser 
Schwierigkeiten weggefallen oder weniger fühlbar geworden, weil 
eine richtig geführte Harmonisirung diejenigen Verbindungen her- 
stellen kann, welche dem melodischen Fortschritte der einzelnen 
Stimme fehlen. Es ist deshalb auch viel leichter, eine unbekannte 
Stimme eines mehrstimmigen Satzes aus einem Clavierauszuge, der 
die Harmonie angiebt, zu singen, als aus einer einzelnen ausgeschrie¬ 
benen Stimme. Aus jenem erkennt man das Verhältniss des zu sin¬ 
genden Tones zur ganzen Harmonie, aus letzterer nur zu den nächst¬ 
benachbarten Tönen der eigenen Stimme. 
2. Töne können in musikalische Verbindung treten durch ihre 
Nachbarschaft in der Tonhöhe. Wir haben dieses Verhältniss 
schon besprochen in Beziehung auf den Leitton. Es gilt dasselbe 
auch für die Ausfüllungstöne in chromatischen Gängen; wenn wir 
z. B. in C-Dur statt G — I) singen C — Cis — D, so hat das Cis 
gar keine Verwandtschaft ersten oder zweiten Grades zur Tonica C, 
es hat auch keine harmonische oder modülatorische Bedeutung; es 
ist nichts als eine zwischen beide Töne eingeschobene Stufe, welche 
zur Tonleiter nicht gehört, und nur dazu dient, die stufenweise Be¬ 
wegung in der Tonleiter der überschleifenden Bewegung des natür¬ 
lichen Sprechens, Weinens oder Heulens ähnlicher zu machen. Die 
Griechen haben diese Theilung in ihrem enharmonischen Systeme, 
wo sie eine Halbtonstufe in zwei Schritte theilten, noch weiter ge¬ 
trieben, als wir es jetzt thun. Ein chromatischer Fortschritt in hal¬ 
ben Tönen geschieht eben trotz der Fremdartigkeit des zu errei¬ 
chenden Tones mit hinreichender Sicherheit, dass er auch in modu- 
latorisehen Uebergängen gebraucht werden kann, um ganz fernliegende 
Tonarten plötzlich zu erreichen. 
Es ist besonders die italienische Melodiebildung reich an sol¬ 
chen Vorhalttönen. Untersuchungen über die Gesetze ihres Vor¬ 
kommens finden sich in zwei Abhandlungen von Herrn A. B a s e v i *)• 
*) Introduction à un nouveau Système d’Harmonie; traduit. Par 
L. Delâtre. Florence I860. Studj suif Armonia. Firenze 1865.
        

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