Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage für die Theorie der Musik. Dritte umgearbeitete Ausgabe
Person:
Helmholtz, Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit3865/528/
Nachtheile der temperirten Stimmung. 513 
rerseits aber ist nicht zu verkennen, dass die veränderte Stimmung 
zu einem solchen Reichtliume von Modulationen auch zwang. Denn 
da der Wohlklang der consonanten Accorde nicht mehr ganz rein 
war, die Unterschiede zwischen ihren verschiedenen Umlagerungen 
verwischt wurden, musste man durch stärkere Mittel, durch reichli¬ 
chen Gebrauch scharfer Dissonanzen, durch ungewöhnlichere Modu¬ 
lationen zu ersetzen suchen, was die der Tonart selbst angehörigen 
Harmonien an charakteristischem Ausdruck verloren hatten. Daher 
bilden in manchen neueren Compositionen dissonante Septimen- 
accorde schon die Mehrzahl der Accorde', und consonante Accorde 
die Ausnahme, während Niemand zweifeln wird, dass es umgekehrt 
sein sollte, und die fortdauernden kühnen Modulationssprünge dro¬ 
hen das Gefühl für die Tonalität ganz zu zerstören. Es sind dies 
missliche Symptome für die weitere Entwickelung der Kunst. Der 
Mechanismus der Instrumente und die Rücksicht auf seine Bequem¬ 
lichkeit droht Herr zu werden über das natürliche Bedürfniss des 
Ohres, und droht das Stilprincip der neueren Kunst, die feste Herr¬ 
schaft der Tonica und des tonischen Accordes wieder zu zerstören. 
Unsere letzten grossen Componisten stehen Mozart und Beetho¬ 
ven noch am Anfang derjenigen Periode, wo die Herrschaft der 
gleichschwebenden Temperatur beginnt. Mozart hat noch Gelegen¬ 
heit gehabt, reiche Studien in Gesangscompositionen zu machen. 
Er ist Meister des süssesten Wohllauts, wo er ihn haben will, aber 
er ist darin auch fast der Letzte. Beethoven hat mit kühner Ge¬ 
walt Besitz ergriffen von dem Reichthum, den die ausgebildete In¬ 
strumentalmusik hervorbringen konnte, seinem gewaltigen Willen 
war sie das gefügsame und zu Allem bereite Werkzeug, in welches 
er eine Gewalt der Bewegung zu legen wusste, wie vor ihm Keiner. 
Die menschliche Stimme aber hat er als dienende Magd behandelt, 
und deshalb hat sie ihm auch nicht mehr die höchsten Zauber ihres 
Wohlklanges gespendet. 
Und bei alle dem weiss ich nicht, ob es denn so noth wendig 
gewesen ist, der Bequemlichkeit der Instrumentalmusik die Reinheit 
der Stimmung zu opfern. Sobald die Violinisten ihre Tonleitern 
nach richtiger Stimmung der jedesmaligen Leiter zu spielen sich ent¬ 
schlossen, was kaum erhebliche Schwierigkeiten machen kann, wer¬ 
den auch die übrigen Orchesterinstrumente so viel nachgeben können, 
dass sie sich der richtigeren Stimmung der Violinen anschliessen. 
'Überdies haben unter diesen die Hörner und Trompeten schon 
die natürliche Stimmung. 
Helmholtz, phys. Theorie der Musik. 
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